Corona-News

Aktuelles aus der Forschung rund um das SARS-CoV-2-Virus und seine Folgen.

    

Corona-Tests und Therapie-Grundlagen: Hier forscht die MHH mit

Gemeinsam gegen Corona: Die Medizinische Hochschule Hannover ist in acht Projekten des Nationalen Netzwerks der Universitätsmedizin beteiligt.

Stand: 23. Oktober 2020

Gute Forschung braucht gute Netzwerke, besonders in Zeiten globaler Herausforderungen. Im Kampf gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 geschieht das in Deutschland mit dem "Nationalen Netzwerk der Universitätsmedizin zu Covid-19". Ein Verbund aus allen deutschen Universitätskliniken stellt sich den dringenden Forschungsthemen und bündelt in 13 Projekten klinikübergreifende Forschungsaktivitäten zur Bewältigung der Corona-Pandemie. Die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) ist an acht Projekten beteiligt. „Ich freue mich, dass die MHH ihre ausgewiesene Forschungsexpertise und die Erfahrungen mit der Behandlung von Covid-19-Betroffenen einbringen und so zu einer bestmöglichen Versorgung von Patientinnen und Patienten in ganz Deutschland beitragen kann“, sagt MHH-Präsident Professor Dr. Michael Manns. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt die Forschungsaktivitäten im Netzwerk mit insgesamt 150 Millionen Euro.

Die MHH ist an folgenden acht Netzwerk-Projekten des Nationalen Netzwerks Universitätsmedizin beteiligt:

B-FAST - "Bundesweites Forschungsnetz Angewandte Surveillance und Testung"

Surveillance umfasst die Beobachtung, Analyse, Interpretation und Berichterstattung von Gesundheitsdaten. Die Corona-Pandemie zeigt, dass unterschiedliche Test- und Überwachungsstrategien für die Gesamtbevölkerung, die Schulen und Kitas, eventuelle Risikobereiche und Kliniken benötigt werden. B-Fast entwickelt eine Plattform, in der solche Strategien erprobt werden können. Dafür führt es unterschiedliche Analysen und Bewertungen zusammen. So unterstützt es Strategien, die nicht nur in der akuten Krise helfen, sondern auch auf künftige Pandemien übertragen werden können.

COVIM - "Bestimmung und Nutzung von SARS-CoV-2 Immunität"

Im Projekt kooperieren zahlreiche Universitätskliniken, um immunologische Daten aus Bevölkerungsstudien und der Untersuchung von Covid-19-Genesenen zusammenzuführen und neue wissenschaftliche Erkenntnisse zur Immunität gegen SARS-CoV-2 zu generieren. Zudem soll untersucht werden, wie die Immunität auf andere Personen übertragen und für neue Therapieansätze genutzt werden kann. COVIM arbeitet eng mit den ebenfalls im Netzwerk Universitätsmedizin geförderten Projekten insbesondere mit NAPKON, B-FAST und CEO-sys zusammen.

DEFEAT PANDEMIcs - "Deutsches Forschungsnetzwerk Autopsien bei Pandemien"

Im Projekt wird ein deutschlandweites Obduktionsnetzwerk aufgebaut, in dem Daten, Biomaterialien und Erkenntnisse systematisch und standardisiert erfasst und zusammengeführt werden. Diese einzigartige Vernetzung der meisten pathologischen, neuropathologischen und rechtsmedizinischen Institute der deutschen Universitätsklinika sowie nicht-universitärer Partner ermöglicht ein tieferes Verständnis der Erkrankung und hilft, wirkungsvollere Therapieansätze zu entwickeln.

EViPan - "Entwicklung, Testung und Implementierung von regional adaptiven Versorgungsstrukturen und Prozessen für ein evidenzgeleitetes Pandemiemanagement koordiniert durch die Universitätsmedizin"

Um Covid-19-Patientinnen und -Patienten zukünftig noch schneller und besser erkennen und behandeln zu können und eine optimale Routineversorgung aufrechtzuerhalten, wird ein nationales Pandemiemanagement benötigt. Es trägt auch dazu bei, Ansteckungen zur vermeiden und liefert eine ethische und normative Bewertung von Versorgungsszenarien unter Pandemiebedingungen, um auf zukünftige Pandemien besser vorbereitet zu sein. Die Universitätskliniken stehen als international vernetzte Maximalversorger und Forschungseinrichtungen im Zentrum regionaler Gesundheitsnetzwerke. Im Projekt kooperieren sie mit dem Robert Koch-Institut, mit dem öffentlichen Gesundheitsdienst und den Landesregierungen zur gemeinsamen Erreichung des Ziels

FoDaPl - "Nationale Forschungsdatenplattform"

In diesem Projekt wird eine bundesweit einheitliche, datenschutzkonforme Infrastruktur für die Speicherung von Covid-19-Forschungsdatensätzen geschaffen. In dieser Forschungsdatenplattform können beispielsweise Labordaten pseudonymisiert den Forschenden über sichere und transparente Verfahren zur Verfügung gestellt werden. Damit wird die Plattform eine zentrale Informationsquelle für unterschiedliche Forschungsarbeiten, die sich mit der Entwicklung besserer Behandlungsansätze für Covid-19 befassen.

NAPKON - "Nationales Pandemie Kohorten Netz"

Das Projekt NAPKON schafft die Grundlage für ein besseres Verständnis des Krankheitsverlaufs bei Covid-19 und die Erforschung möglicher Therapien, indem es in wissenschaftlichen Studien klinische Daten, Bioproben und Bildgebungsdaten zusammenführt. NAPKON ist eng verzahnt mit dem Aufbau der Nationalen Forschungsdatenplattform und kooperiert mit dem Projekt COVIM. Die so möglich werdenden Studien können beispielsweise Auskunft über die Langzeitfolgen einer Covid-19-Erkrankung geben, auch wenn die Betroffenen während der Behandlung beispielsweise aus der Klinik zum Hausarzt wechseln.

PallPan - "Nationale Strategie für Palliativversorgung in Pandemiezeiten"

In diesem Projekt werden auf wissenschaftlicher Basis Handlungsempfehlungen und Informationsmaterialien erstellt, um schwerkranke und sterbende Menschen auch in Pandemiezeiten bestmöglich versorgen und ihre Belange - sowie die Belange ihrer Angehörigen - berücksichtigen zu können. Es handelt sich hierbei um den bisher größten strukturierten Zusammenschluss der Palliativmedizin in einem Forschungsprojekt in Deutschland. Betrachtet werden alle Bereiche der ambulanten und stationären Hospiz- und Palliativversorgung (Hausärzte, Fachärzte, Pflegedienste, Palliativdienste, Heime, Krankenhäuser, Hospize).

RACOON - "Radiological Cooperative Network zur Covid-19 Pandemie"

RACOON ist die erste deutschlandweite Radiologie-Plattform, bei der fast alle Universitätskliniken beteiligt sind. Hier werden Röntgenaufnahmen von Patientinnen und Patienten mit Verdacht auf Covid-19 zusammengeführt und mit den Krankheitsverläufen in Beziehung gebracht. Die Befunde werden mithilfe Künstlicher Intelligenz analysiert. Dadurch wird eine schnellere und präzisere Diagnose der Erkrankung und ihres Verlaufs möglich und eine Entscheidungsgrundlage für epidemiologische Studien, Lageeinschätzungen und Frühwarnmechanismen geschaffen.

Weitere Informationen zum Projekt B-FAST erhalten Sie bei Professor Dr. Dr. Michael Marschollek unter Telefon (0511) 532-5295 oder unter marschollek.michael@mh-hannover.de.

Weitere Informationen zum Projekt COVIM erhalten Sie bei Professor Dr. Thomas Schulz unter Telefon (0511) 532-6737 oder unter schulz.thomas@mh-hannover.de.

Weitere Informationen zum Projekt DEFEAT PANDEMIcs erhalten Sie bei Professor Dr. Danny Jonigk unter Telefon (0511) 532-9532 oder unter jonigk.danny@mh-hannover.de.

Weitere Informationen zum Projekt EViPAN erhalten Sie bei Professor Dr. Jörg Haier unter Telefon (0511) 532-19307 oder unter haier.joerg@mh-hannover.de.

Weitere Informationen zum Projekt FoDaPl erhalten Sie bei Professor Dr. Dr. Michael Marschollek unter Telefon (0511) 532-5295 oder unter marschollek.michael@mh-hannover.de.

Weitere Informationen zum Projekt NAPKON erhalten Sie bei Professor Dr. Thomas Illig unter Telefon (0511) 532-7856 oder unter illig.thomas@mh-hannover.de.

Weitere Informationen zum Projekt PallPan erhalten Sie bei Professor Dr. Nils Schneider unter Telefon (0511) 532-2744 oder unter schneider.nils@mh-hannover.de.

Weitere Informationen zum Projekt RACOON erhalten Sie bei Professor Dr. Frank Wacker unter Telefon (0511) 532-3422 oder unter wacker.frank@mh-hannover.de.


MHH-Forscher finden mögliche Helfer gegen COVID-19-Infektion im Herz

Shambhabi Chatterjee, PhD, (links) und Dongchao Lu vor der schematischen Darstellung der Blockade des Einfallsweges für das Coronavirus im Herzmuskel. Copyright: Karin Kaiser/MHH

Stand: 2. Oktober 2020

Infektionen mit Bakterien und Viren sind eine zusätzliche Belastung für das Herz-Kreislauf-System. Das gilt auch für das Coronavirus SARS-CoV-2. Doch das Virus scheint nicht nur bei älteren Menschen mit kardiovaskulären Grunderkrankungen zu Herzschädigungen zu führen. Auch nur leicht erkrankte, jüngere Patientinnen und Patienten können nach überstandener COVID-19-Infektion entzündliche Veränderungen im Herzmuskel oder im Herzbeutel aufweisen. Die Ursache dafür liegt im Angiotensin-umwandelnden Enzym 2 (angiotensin-converting enzyme 2, ACE2). Diese Bindungsstelle ist das Einfallstor für SARS-CoV‑2 in das Lungengewebe. Weil sich ACE2 auch in Herzmuskelzellen befindet, können die Viren auch das Herz befallen und dort massive Entzündungen auslösen. Eine Forschungsgruppe des Instituts für Molekulare und Translationale Therapiestrategien der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) hat nun eine Möglichkeit entdeckt, diesen Weg für das Coronavirus zu blockieren. Die Studie unter der Leitung von Institutsdirektor Professor Dr. Dr. Thomas Thum Dr. Christian Bär ist im Journal of Molecular and Cellular Cardiology veröffentlicht. Erstautoren sind Dongchao Lu und Shambhabi Chatterjee, PhD.

Über ACE2-Enzym befallen Coronaviren die Zellen

ACE2 steuert den Salz- und Flüssigkeitsgehalt im Körper und regelt den Blutdruck. Als Andockstelle für Coronaviren spielt das Enzym zudem eine zentrale Rolle bei COVID-19. „Als einer der Hauptrezeptoren für SARS-CoV-2 ist ACE2 gleichzeitig ein potenzielles Ziel zur Bekämpfung von COVID-19“, erklärt Professor Thum. Sein Forschungsteam hat nach Möglichkeiten gesucht, die Enzymkonzentration herunter zu regulieren und ist mit Hilfe von bioinformatischen Methoden auf eine Gruppe von mikroRNAs gestoßen, die den Prozess steuern. mikroRNAs sind winzige, nicht-codierende RNA-Schnipsel, die keinen genetischen Bauplan umsetzen, sondern den Bau von einzelnen Proteinen in der Zelle sehr gezielt verhindern können.

miR-200c reguliert die ACE2-Aktivität herunter

„Vor allem ein Kandidat namens miR-200c konnte die ACE2-Aktivität in Herzmuskelzellen von Ratten und in im Labor aus Stammzellen hergestellten menschlichen Kardiomyozyten deutlich herunterregulieren“, sagt Studienleiter Dr. Bär. Im nächsten Schritt muss das vielversprechende Ergebnis aus den Zellkultur-Versuchen nun in lebenden Organsimen überprüft werden. Sollte die Studie auch im Mausmodell erfolgreich verlaufen, könnte der Einsatz von miR-200c künftig eine wichtige Strategie im Kampf gegen Coronaviren sein – selbst dann, wenn es einen wirksamen Impfstoff gibt. „Auch die Erreger der schweren Atemwegserkrankungen SARS und MERS gehören zu den Coronaviren, die über ACE2 in die Zellen gelangen“, betont Professor Thum. Daher sei es nicht unwahrscheinlich, dass auch bei einer künftigen Coronavirus-Pandemie dieser Mechanismus genutzt werden kann.

  • Die Originalpublikation „MicroRNAs targeting the SARS-CoV-2 entry receptor ACE2 in cardiomyocytes” ist hier online verfügbar.

Virtueller Besuch im MHH-Kreißsaal

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Geburtsklinik um Klinikdirektor Professor Dr. Peter Hillemanns (rechts); Copyright: Karin Kaiser/MHH

Stand: 25. August 2020

MHH geht neue Wege, um Schwangere in Zeiten von Corona zu informieren / Jeden Montag startet um 18.30 Uhr eine Live-Übertragung mit Expertengesprächen / Anmeldung per Mail

Bei Schwangeren ist die Frauenklinik der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) in der Region Hannover eine sehr beliebte Adresse. „Wir bieten für die normale Geburt bis zur Risikoschwangerschaft unsere engagierte und hochprofessionelle Betreuung an“, sagt Klinikdirektor Professor Dr. Peter Hillemanns. Konnten angehende Eltern vor der Corona-Krise die Geburtsklinik besichtigen, muss die Frauenklinik nun neue Wege gehen, um zukünftige Mütter und Väter zu erreichen. Auch unter den deutlichen Einschränkungen der COVID-19-Krise möchte die Frauenklinik allen werdenden Eltern die Möglichkeit geben, sich im direkten Kontakt über den Kreißsaal in der MHH zu informieren. „Daher freuen wir uns nun den ersten webbasierten Informationsabend für werdende Eltern in Hannover anzubieten“, Nina Meier, Hebamme im Kreißsaal. „Wir möchten den Eltern zeigen, dass sie nicht allein da stehen mit all ihren Fragen.“

Fragen direkt an die Experten stellen

Jeden Montag um 18.30 Uhr können sich werdende Eltern in einer Live-Übertragung über Themen rund um die Schwangerschaft und die Geburt in der MHH informiert. Zudem haben sie die Möglichkeit, im Anschluss an die allgemeine Vorstellung direkt Fragen an die MHH-Expertinnen und -Experten zu stellen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Über eine formlose E-Mail an geburtshilfe.infoabend@mh-hannover.de erhalten Interessierte die Zugangsdaten. Die Live-Übertragung über das Programm Microsoft Teams beginnt jeden Montag um 18.30 Uhr. Technische Voraussetzungen sind ein Computer mit (integrierter) Kamera, Mikrofon und Lautsprecher oder Kopfhörer. Auch mit einem Tablet oder Smartphone ist ein Zugang möglich.+

Weitere Informationen über die Geburtsklinik der MHH erhalten Sie auch unter www.mhh.de/praenatalmedizin-und-geburtshilfe-im-perinatalzentrum.


COVID-19: Wer wird behandelt, wenn die Intensivbetten knapp werden?

Stand: 19. August 2020
Autorin: Tina Götting/MHH

Die Zahl der an COVID-19 Erkrankten in Deutschland entwickelt sich bisher zwar nicht so dramatisch wie beispielsweise in Italien, Spanien oder USA. Dennoch sorgt das rasante Tempo, mit dem sich das Coronavirus verbreitet, auch hierzulande für Beunruhigung und Sorgen im Gesundheitssystem. Was geschieht, wenn die Kapazitäten in der Intensivmedizin plötzlich nicht mehr ausreichen, um alle Patientinnen und Patienten bestmöglich zu behandeln? Dann kommt die sogenannte Triage oder auch „Priorisierung“ zur Anwendung, bei der das Behandlungsteam möglicherweise unter Zeitdruck entscheiden muss, wer intensivmedizinisch behandelt wird und wer palliativmedizinisch versorgt wird. Doch welche Kriterien spielen bei dieser Priorisierung eine Rolle? Um die Behandlungsteams bei einer so schwerwiegenden Entscheidung nicht allein zu lassen, haben acht medizinische Fachgesellschaften im Frühjahr dieses Jahres dazu klinisch-ethische Empfehlungen veröffentlicht. Die Empfehlungen sind eine Leitlinie, keine Gesetze.

Die Empfehlungen finden viel Zustimmung, aber auch Widerspruch. Das wurde auch bei einer Online-Podiumsdiskussion am 16. Juni im Schloss Herrenhausen deutlich. Die Veranstaltung wurde organisiert von der Krankenhausseelsorge und dem Klinischen Ethik-Komitee der MHH, unterstützt von der VolkswagenStiftung - den Video-Mitschnitt finden Sie hier. Die Zuschauenden konnten sich per Chat an der Diskussion beteiligen. Hier kommen fünf Experten des Podiums mit ihrer persönlichen Meinung zu Wort.

Dr. Gerald Neitzke, Vorsitzender des Klinischen Ethik-Komitees der MHH und kommissarischer Leiter des MHH-Instituts für Geschichte, Ethik und Philosophie der Medizin. „Wenn wirklich alle Ressourcen ausgeschöpft sind, stehen Ärztinnen und Ärzte vor der verzweifelten Frage, wer eine Chance auf Lebensrettung erhalten soll und wer nur noch palliativ begleitet werden kann. Die Empfehlungen der Fachgesellschaften sollen sicherstellen, dass diese Entscheidungen in ganz Deutschland transparent nach denselben Kriterien erfolgen, um so individuelle Willkür zu vermeiden: Wer die bessere Überlebenschance hat, erhält die Behandlung. Kein Patient darf diskriminiert werden, weil er alt ist, weil er an einer Behinderung oder einer bestimmten Erkrankung leidet oder aufgrund sozialer Merkmale.“
Professor Dr. Ralf Stoecker, Philosoph an der Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie der Universität Bielefeld. „Wird im Rahmen der Covid-19-Pandemie eine Triage zwischen verschiedenen Patientinnen und Patienten erforderlich, dann ist es aus ethischer Sicht gerechtfertigt, sich an den Erfolgsaussichten der Behandlung zu orientieren, nicht aber am Lebensalter, sozialen Status oder individuellen Verdienst der Betroffenen. Bei der Entscheidung zwischen bereits behandelten Patientinnen und Patienten neu aufzunehmenden haben erstere ein größeres Recht, weiterbehandelt zu werden. Dieses Vorrecht gilt aber nicht unbegrenzt und absolut.“
Professorin Dr. Susanne Beck, Juristin an der Juristischen Fakultät der Leibniz Universität Hannover. „Aus strafrechtlicher Sicht ist vor allem die Situation problematisch, in der ein Patient ein Beatmungsgerät benötigt, aber deutlich bessere Überlebenschancen hat als ein vor ihm eingelieferter Patient und letzterer deshalb vom Beatmungsgerät entfernt werden müsste. Grundsätzlich untersagt das Strafrecht eine aktive Beendigung eines Menschenlebens zugunsten des Lebens eines anderen. Zugleich scheint es problematisch, hier den Arzt zu sanktionieren, obwohl er den Umstand der Ressourcenknappheit nicht zu verschulden hat. Gerade im Strafrecht ist es schwierig, für strukturelle Probleme gerechte Lösungen über die Verantwortungszuschreibung zu finden. Wir leben jedoch in einer Gesellschaft, die unserem Handeln häufig strukturelle Grenzen setzt, weiterhin aber als Gesellschaft und für unsere Selbstwahrnehmung auf die Zuschreibung individueller Verantwortung angewiesen sind. Auch für dieses Dilemma müssen wir neue Antworten finden.“
Professor Dr. Armin Pycha, Primar der Urologie am Südtiroler Sanitätsbetrieb in Bozen. „COVID-Kranke wurden in der Pandemie absolut priorisiert. Für manche onkologische Patienten bedeutete dies mittelbar das Todesurteil. Ethische Triage-Empfehlungen sind wichtig und nützlich, bis man sie anzuwenden hat. Triage bedeutet Selektion, Bevorzugung, Rückstellung und Tod. Damit verbunden sind Zweifel, Bedrückung, Verantwortung und ein Gefühl der Ohnmacht. Empfehlungen mögen rechtlich von Nutzen sein, das Gewissen entlasten sie nicht und sie befreien auch nicht von Zweifel. Selbst wird man zum Verwalter dieses Elends.“
Prof. Dr. Marius Hoeper. Copyright: Tom Figiel/MHH

Professor Dr. Marius Hoeper, kommissarischer Direktor der MHH-Klinik für Pneumologie und Leiter der interdisziplinären Intensivstation für COVID-19-Patienten. „Je länger man über Triage bzw. Priorisierung nachdenkt, desto deutlicher kommt man zu dem Schluss, dass es eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sein muss, solche Situationen zu verhindern, wo immer dies möglich ist. Übertragen auf die COVID-Pandemie bedeutet dies, dass die Vorhaltung ausreichender Ressourcen eine gesellschaftliche, politische und eben auch ethische Verpflichtung ist. Deutschland ist in der vergleichsweise günstigen Position, dass es überdurchschnittlich viele Intensivbetten, Ärzte und medizinische Geräte hat. Große Knappheit gibt es hingegen bei den Pflegenden. Dieser Zustand ist weder neu noch unbekannt - ihn zu beheben ist somit nicht nur eine gesellschaftspolitische, sondern auch eine ethische Verpflichtung.“


Video

Diskussion: Wer wird behandelt, wenn die medizinischen Kapazitäten knapp sind?

Die Podiumsdiskussion "COVID-19 - Wer wird behandelt, wenn medizinische Kapazitäten knapp sind?" am 16. Juni 2020 sollte einen Beitrag zu einer öffentlichen gesellschaftlichen Debatte über aktuelle klinisch-ethische Empfehlungen für Kriterien der Triage leisten.

MHH erforscht Spätfolgen der Corona-Infektion

„Es gibt Betroffene, die sich drei oder vier Monate nach der Erkrankung immer noch nicht wieder gesund fühlen“: Dr. Isabell Pink leitet der Ambulanz. Copyright: Carolin Schneider/Webredaktion/MHH

Stand: 24. Juli 2020

COVID-Ambulanz für offiziell Genesene begleitet Betroffene / Teilnehmerinnen und Teilnehmer für Studie gesucht.

Genesen, aber nicht gesund: Einige Menschen, die an COVID-19 erkrankt waren, leiden noch Wochen und Monate nach der akuten Erkrankung an deren Folgen. Zu den Symptomen gehören Müdigkeit, verminderte körperliche Belastbarkeit, Konzentrationsschwäche, Atemprobleme und Geschmacks- oder Geruchsverlust. „Diese Spätfolgen zeigen sich nicht nur bei Patientinnen und Patienten, die schwer betroffen waren und stationär behandelt wurden, sondern auch bei solchen mit mittlerem oder mildem Krankheitsverlauf“, erklärt Professor Dr. Marius Hoeper, kommissarischer Direktor der Klinik für Pneumologie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). In seiner Klinik gibt es die COVID-Ambulanz für Genesene, in der Patientinnen und Patienten nach ihrer Erkrankung begleitet werden. Um mehr über die Spätfolgen herauszufinden, führen Professor Hoeper und sein Team die Studie „IRMI 19“ (ImmunpRofile iM Langzeitverlauf nach COVID-19) durch.

Die COVID-Ambulanz für Genesene gibt es seit Mitte Mai. „Es gibt Betroffene, die sich drei oder vier Monate nach der Erkrankung immer noch nicht wieder gesund fühlen“, erklärt Dr. Isabell Pink, Leiterin der Ambulanz. Für einige sei es aufgrund der Beschwerden schwierig, ihrem Beruf nachzugehen, selbst wenn es sich „nur“ um einen Bürojob handelt. Viele klagten über Luftnot bei Belastung und ein Engegefühl in der Brust. Darunter seien auch Patienten zwischen 21 und 50 Jahren, die vor der Infektion mit dem Virus SARS-CoV-2 vollkommen gesund gewesen seien. „Ihre Situation verbessert sich nur sehr langsam“, sagt die Pneumologin. Medikamentös kann sie den Patienten nicht viel anbieten. „Wir können ihnen nur raten, auf ihren Körper zu hören, insgesamt einen Gang runterzuschalten und gegebenenfalls eine ambulante Reha zu beantragen.“

Ein halbes Jahr unter Beobachtung

Dennoch schätzen die Betroffenen die Betreuung in der Ambulanz. Sie fühlen sich sicherer, wenn sie ärztlich begleitet und ihr Zustand über längere Zeit beobachtet wird. In der Ambulanz verfolgen die Experten den Verlauf über mindestens ein halbes Jahr. Die Patientinnen und Patienten werden dreimal untersucht: sechs bis acht Wochen, drei Monate und sechs Monate nach der akuten SARS-CoV-2-Infektion. Dazu gehören eine Lungenfunktionsmessung, die Analyse von Blut, Urin und Speichel, eine körperliche Untersuchung und ein Belastungstest sowie gegebenenfalls eine bildgebende Diagnostik. Es besteht ein enger Kontakt zu anderen Fachdisziplinen, die bei Bedarf mit hinzugezogen werden.

Über die Langzeitfolgen einer Infektion mit dem Coronavirus ist insgesamt noch wenig bekannt. Die bisherigen Forschungen und klinische Beobachtungen haben jedoch gezeigt, dass SARS-CoV-2 praktisch jedes Organ befallen und dort Schäden verursachen kann. „Wir nehmen an, dass COVID-19 das Immunsystem nachhaltig verändert“, erläutert Professor Hoeper. Durch die Studie „IRMI 19“wollen er und sein Team neue Erkenntnisse über die Spätfolgen der Virusinfektion gewinnen. „Wir gehen davon aus, dass es zwischen den beobachteten Immunphänomenen und den anhaltenden Beschwerden Zusammenhänge gibt, die wir besser verstehen möchten, natürlich auch in der Hoffnung, diese in Zukunft behandeln zu können.“ Aufschlüsse darüber sollen Immunprofile im Langzeitverlauf bringen.

An der Studie sollen rund 100 Betroffene teilnehmen, die ursprünglich nur leicht an COVID-19 erkrankt waren und trotzdem an Spätfolgen leiden. In die Studie können auch Patienten eingeschlossen werden, die nicht in der MHH behandelt wurden. Sie können sich in der COVID-Ambulanz für Genesene melden.

Interessierte erreichen die COVID-Ambulanz für Genesene unter Telefon (0511) 532-5030, Fax (0511) 532-18538 oder E-Mail: pneumologie.covid@mh-hannover.de.

Weitere Informationen erhalten Sie bei Dr. Isabell Pink, Klinik für Pneumologie, unter Telefon (0511) 532-9314 oder pink.isabell@mh-hannover.de.


T-Lymphozyten spielen wichtige Rolle für Krankheitsverlauf bei COVID-19

v. li.: Dr. Christian Schultze-Florey, Dr. Ivan Odak und Professor Dr. Christian Könecke im Labor des MHH-Instituts für Immunologie. Copyright: Karin Kaiser/MHH.

MHH-Forschungsteam veröffentlicht erste europäische Studie dieser Art im Lancet-Journal „EBioMedicine“

Stand: 08. Juli 2020

Infektionen mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 können sehr unterschiedlich verlaufen – einige Menschen bleiben völlig ohne Symptome oder zeigen einen milden Krankheitsverlauf. Andere müssen im Krankenhaus behandelt werden. Doch auch hier gibt es Unterschiede zwischen Patientinnen und Patienten, die auf der Intensivstation beatmet werden müssen und solchen, die weniger schwer an COVID-19 erkranken. Wie sich diese beiden in den Kliniken versorgten Gruppen immunologisch unterscheiden, hat ein Forschungsteam der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) herausgefunden. Unter der Leitung des Instituts für Immunologie und der Klinik für Hämatologie, Hämostaseologie, Onkologie und Stammzelltransplantation haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das Blut von COVID-19-Patientinnen und -Patienten untersucht. Dabei stellten sie fest, dass für den Verlauf der Erkrankung eine bestimmte Zusammensetzung der Lymphozyten eine wichtige Rolle spielt, die für die gezielte Immunabwehr zuständig sind. Als erste europäische Studie dieser Art ist die Forschungsarbeit im Lancet-Journal „EBioMedicine“ erschienen. Erstautor ist Dr. Ivan Odak.

Zahl der T-Lymphozyten sinkt bei schwer erkrankten COVID-19-Patienten

„Uns war zwar bekannt, dass schwer an COVID-19 erkrankte Patienten generell weniger Lymphozyten im Blut haben“, sagt Dr. Christian Schultze-Florey, gemeinsam mit Professor Dr. Christian Könecke verantwortlicher Leiter der Studie. „Allerdings wussten wir nicht, welche speziellen Untergruppen und in welchen Ausmaß diese tatsächlich betroffen sind.“ Lymphozyten gehören zu den weißen Blutkörperchen und werden wie alle Blutzellen im Knochenmark gebildet. Danach müssen sie im Körper einen Reifungsprozess durchlaufen, bevor sie als T- oder B-Lymphozyten körperfremde Zellen wie Bakterien oder Viren erkennen und bekämpfen können. Bei schweren Verläufen von COVID-19 – etwa Patienten, die beatmet werden müssen – zeigten sich alle Lymphozyten-Unterarten vermindert im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen. Dies war bei milden COVID-19 Verläufen deutlich weniger ausgeprägt.

„Von wegweisender Bedeutung war zudem, dass die COVID-19-Patienten mit milder Erkrankung schon bei Aufnahme ins Krankenhaus mehr Effektor-T-Zellen aufwiesen als die Patienten mit einem schweren Verlauf“, erläutert Professor Könecke. Effektor-T-Zellen sind besonders aktivierte T-Zellen, die entweder direkt kranke Zellen zerstören oder mit Botenstoffen das Immunsystem alarmieren und so zusätzliche Immunzellen anlocken. Unterschiede konnten die Forscher auch im Verlauf der COVID-19-Erkrankung feststellen. Erholen sich die Patienten von der Infektion mit SARS-CoV-2 und verbessert sich ihr Gesundheitszustand, nimmt auch die Anzahl der Effektor-Zellen im Blut deutlich zu. Auch Gedächtniszellen, die als eine besondere Form der T-Zellen Krankheitserreger bei einer erneuten Infektion wiedererkennen und dadurch schneller bekämpfen können, lassen sich im Laufe der Genesung wieder verstärkt nachweisen. Bleibt eine Besserung der Erkrankung aus, kommt es hingegen nicht zu einem solchen Anstieg.

Gezieltere Diagnose und effektivere Behandlung möglich

„Die T-Zell-Immunantwort scheint bei COVID-19 eine entscheidende Rolle zu spielen“, sagt Professor Förster, Leiter des Instituts für Immunologie. Die generelle Abnahme der Lymphozyten-Unterarten und der Effektor-T-Zellen könnten daher als Biomarker dienen, um über die Messung des Immunstatus den Schweregrad der Erkrankung frühzeitig einzuschätzen. „Das ist wichtig, weil manche Patienten bei der Aufnahme ins Krankenhaus klinisch zunächst stabil erscheinen, jedoch schon wenig später ein schwerer COVID-19 Verlauf eintritt“, betont Studienleiter Schultze-Florey. Diese Patienten könnten durch eine gezielte Diagnose schneller und effektiver behandelt werden. Auch der Therapieverlauf ließe sich mithilfe der T-Zell-Marker möglicherweise vorhersagen. So könnte bereits während der Behandlung kontrolliert werden, ob die Patienten darauf ansprechen und sich ihr Gesundheitszustand voraussichtlich verbessert.

Die Forschungsarbeit „Reappearance of Effector T Cells Is Associated With Recovery from COVID-19“ wurde finanziert durch das Corona-Forschungsförderprogramm des Landes Niedersachsen, den Exzellenzcluster „RESIST“und den Sonderforschungsbereich (SFB) 900 der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Weitere Informationen erhalten Sie bei Dr. Christian Schultze-Florey unter Telefon (0511) 532-9725 oder schultze-florey.christian@mh-hannover.de.

Die Originalpublikation ist online verfügbar unter https://authors.elsevier.com/sd/article/S2352396420302607.


Ein süßes Dankeschön für die Pflege

Frühstück gesichert: Das Team der Station 14 freut sich über die Honig-Spende. Copyright: Karin Kaiser/MHH

Stand: 03. Juli 2020

Welch‘ süße Idee! Um die Arbeit der Pflegekräfte während der Pandemie zu würdigen, hat Heimathonig.de der MHH 180 Gläser mit je 125 Gramm Biohonig aus Witzenhausen zukommen lassen. Den Honig wiederum haben viele Kunden des Versands während einer Aktion spendiert. Die Stabsstelle Kommunikation hat den Honig auf den Stationen verteilt, die besonders mit COVID-19-Patientinnen und  -Patienten zu tun hatten.

„Wir freuen uns sehr“, sagt Kerstin Kleinau, pflegerische Leitung auf der COVID-19-Intensivstation 14. „Das ist ein tolles Feedback und eine Würdigung dessen, was wir geleistet haben und auch immer noch leisten.“ Zwar ist die Zahl der intensivpflichtigen COVID-19-Patienten auf der Station 14 deutlich zurückgegangen, doch entspannt ist die Situation noch lange nicht. „Absolute Konzentration und Aufmerksamkeit bestimmt weiterhin unseren Arbeitsalltag“, erklärt sie. Zu ihrem Team gehören 50 Pflegekräfte. Dazu kommen Ober- und Stationsärztinnen und -ärzte.

Während der besonders kritischen Wochen im Frühjahr war die Station voll belegt mit Patientinnen und Patienten, die an dem Coronavirus erkrankt waren. „Das war eine riesige Herausforderung für uns alle“, sagt die Stationsleitung, „selbst für die Reinigungskräfte, denn für sie galten plötzlich ganz neue Arbeitsbedingungen mit verschärften Hygieneregeln und Bekleidungsvorschriften.“ Der Honig von Heimathonig.de sei eine sehr nette Anerkennung. „Da können wir nur sagen: ein Dankeschön zurück!“


Zurück zur Normalität

MHH-Präsident Professor Dr. Michael Manns. Copyright: Stefan Zorn/MHH
Vizepräsident Professor Dr. Tobias Welte. Copyright: Stefan Zorn/MHH

Stand: 30. Juni 2020

Das SARS-CoV-2-Virus bestimmt auch weiterhin unser Leben. Welche Auswirkungen es an der MHH gibt, beschreiben Präsident Professor Manns und Vizepräsident Professor Welte im Interview mit der HAZ. Hier die wichtigsten Aussagen.

Am 2. Juni war es endlich so weit: Nach 84 Tagen im Notfallmodus ging die MHH wieder in den Normalbetrieb über. In dieser Zeit hatte das Präsidium gemeinsam mit der Krankenhauseinsatzleitung (KEL) die gesamten Geschicke der Hochschule zentral gelenkt. Eine Phase, in der die Hochschule wegen eines Erlass‘ des Landes Niedersachsen gezwungen war, Elektivbehandlungen einzustellen, um Platz für mögliche COVID-19-Patientinnen und -Patienten vorhalten zu können. "Wir haben die Ambulanzen geschlossen und geplante Operationen verschoben“, erläutert MHH-Präsident Professor Dr. Michael Manns. Ausgenommen waren Krebspatientinnen und -patienten, für die die gesamte onkologische Behandlung weitergeführt und nicht unterbrochen wurde. "Ein niedriger Prozentsatz ist aber aus Angst vor einer Ansteckung im Krankenhaus selbst nicht zur Tumornachsorge gekommen und hat Operationen abgesagt", ergänzt der Präsident.

Professor Dr. Tobias Welte, als kommissarischer Vizepräsident zuständig für die Krankenversorgung, betont, dass die MHH während der ganzen Zeit den Notfallbetrieb komplett weiterlaufen lassen konnte. "Gleichzeitig haben wir die Möglichkeit geschaffen, im Notfall 80 Intensivbetten für COVID-19-Patienten bereit zu stellen, außerdem hätten wir bis zu 300 COVID-19-Betten auf Normalstation nutzen können“, sagt Professor Welte. "Heute wissen wir: Das haben wir alles nicht gebraucht. Aber in der Anfangsphase der Pandemie mussten wir mit Schlimmerem rechnen."  Professor Welte hat enge persönliche Kontakte nach Italien, er ist dort aufgewachsen. „Ich habe jeden Tag in Telefonaten mit Freunden dort gehört, was dort geschieht und wir mussten befürchten, dass wir das hier auch bekommen."

Stationäre Leistungen bei 75 Prozent

Die MHH ist eine hochschulmedizinische Einrichtung der Maximalversorgung, extrem viele der hier behandelten Menschen sind schwer erkrankt – oft auch in Notfallsituationen. „Daher konnten wir in den ersten sechs Monaten 75 Prozent unseres stationären Leistungsniveaus halten, bei ambulanten Patienten sind wir teils auf 50 Prozent zurückgefallen, da ja die elektive Versorgung nicht mehr erlaubt war“, betont der Vizepräsident. "Jetzt nähern wir uns wieder einer normalen Auslastung in allen Bereichen, immer abhängig davon, wie es mit SARS-CoV-2 weitergeht."

Die Politik hat den Kliniken Kompensationszahlungen für leerstehende Bereiche zugesagt. Doch Professor Manns ist skeptisch: "550 Euro Ausgleichszahlung pro nicht belegtem Bett wird nicht reichen. Jetzt sind 760 Euro in der Diskussion. Die Vorhaltekosten für ein Bett in der Universitätsklinik liegen aber bei 980 Euro." Ein Ausgleich im ambulanten Bereich sei zudem schwer zu berechnen. "Und es bleibt die Frage, ab wann diese Ausgleichszahlungen gewährt werden und für wie lange."

"Niemand wurde systematisch benachteiligt"

Während des Lockdowns stellten sich viele die Frage, ob Patientengruppen weniger oder schlechter behandelt werden würden. Die beiden Mediziner sehen dafür keine Anzeichen. "Interessant wird sein, was spätere Auswertungen zu Schlaganfall- und Herzinfarktpatienten ergeben werden", sagt der Präsident, "ob wirklich viele Menschen ihre Symptome zu lange ignoriert haben. Ich glaube aber nicht, dass eine Patientengruppe systematisch benachteiligt war." Deutschland habe keine erhöhte Sterblichkeit zu verzeichnen gehabt, ergänzt Professor Welte. "In der Schweiz dagegen richtete sich das nach den Sprachgrenzen. Es gab keine Übersterblichkeit in der deutschsprachigen Schweiz, aber eine deutliche in den französisch- und italienischsprachigen Gebieten. Der Grenzverkehr war zu Anfang nicht unterbunden. Der französische Teil der Schweiz hat eine viermal so hohe Infektionsrate wie der deutsche."

Die MHH hat bisher (Stand: 30. Juni) 60 Menschen behandelt, die an COVID-19 erkrankt waren, davon 30 auf Intensivstation. Ende Juni wurden noch drei Menschen auf der Intensivstation 14 beatmet und sieben Patienten auf Normalstation. Niedersachsen ist bisher verhältnismäßig gut durch die Pandemie gekommen. War alle Vorsorge also übertrieben? Nein, meinen die beiden Professoren. „Im Nachhinein wissen es immer alle besser“, sagt der Präsident. Und sein Vize fügt hinzu: „Wir haben ein paar glückliche Umstände gehabt: Wir haben gesehen, was in anderen Ländern passiert und konnten uns vorbereiten. In Italien dagegen grassierte das Virus bereits seit Wochen, bevor es das erste Mal diagnostiziert wurde." Hinzu komme, dass in Deutschland zuerst die heimkehrenden Skifahrer aus Ischgl betroffen waren – das waren überwiegend junge gesunde Menschen. In Italien und Spanien hingegen habe das Virus früh Altenheime und Familien mit vielen älteren Bewohnern erreicht. Ein weiterer wichtiger Punkt: In Deutschland gibt es 40 Prozent mehr Intensivbetten als in Italien.

 "Wir brauchen im Gesundheitssystem eine gewisse Reserve, das hat Corona gezeigt", erläutert der MHH-Präsident. "Deutschland wird oft kritisiert für zu viele Krankenhausbetten und zu viele Kliniken. Jetzt waren wir froh, dass wir diese Kapazitäten hatten. Wir Deutsche haben in der Medizinforschung immer nach England und Amerika geschaut. Beide Länder sind mit ihren Top-Universitäten in der Forschung grandios. Trotzdem hat das Gesundheitssystem in der Breite in beiden Ländern jetzt versagt, die Sterblichkeitsraten sind extrem hoch."

Niedrigster Krankenstand seit 30 Jahren

Ein Grund, warum Deutschland und auch die MHH so gut durch die Krise gekommen sind, sind die Beschäftigten im Gesundheitswesen. "Die Disziplin, das Engagement und die Solidarität aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der MHH war ungeheuerlich ­– von Studierenden über Technik und Verwaltung bis hin zu Pflege und Ärzteschaft“, betont der Präsident. "Wir hatten in der akuten Corona-Zeit den niedrigsten Krankenstand seit 30 Jahren gehabt. Wir als Präsidium möchten uns dafür herzlich bedanken."

Mittlerweile haben sich in Deutschland die Bedingungen geändert – die erste Welle ist abgeebbt, jetzt bestimmen Ausbruchszenarien wie in Rheda-Wiedenbrück das Geschehen. Manns und Welte sind sich einig, dass niemand vorhersagen kann, ob es im Herbst zu einer zweiten Welle kommen wird. "Manche Pandemien sind einfach nach einem Jahr nicht wieder aufgeflammt", erinnert Professor Welte In anderen Fällen habe sich das Virus verändert. "Erst löste es schwere Atemnot aus, später nur noch Schnupfen. Anpassung an den Wirt ist ein Prinzip der Evolution. Die Mikroorganismen wollen auch nicht, dass ihr Wirt, der Mensch, stirbt – und sie mit ihm."

"Es kann jeden erwischen"

"Wir haben jetzt einen leichten Anstieg der Infektionen, aber die Sterblichkeitsraten gehen weiter zurück", betont Professor Manns. Gerade ältere Menschen sind außerordentlich vorsichtig geworden. Das Durchschnittsalter der Neuinfizierten ist im Durchschnitt um zehn Jahre gesunken. "Auch junge Menschen können schwer erkranken", meint Professor Welte, "man muss sich bewusst sein, dass es jeden erwischen kann."

SARS-CoV2 ist ein neues Virus. "Es befällt zwar primär die Atemwege", erklärt Professor Welte, "aber dann macht es etwas sehr Seltsames: Es schädigt nicht die Atemwegszellen selbst, wie beispielsweise Influenza, der Grippeerreger. Corona gelangt in die Blutbahn und schädigt die Zellen, die die Blutgefäße auskleiden, die Endothelzellen." Anschließend kommt es zu einer Gerinnselbildung in den ganz kleinen Gefäßen. Für die Patienten heißt das: Atemwegskranke sind gar nicht die Hauptrisikogruppe. Bluthochdruckpatienten, Diabetiker und vor allem Übergewichtige haben ein hohes Risiko, wirklich schwer zu erkranken. 

Erste Auswertungen zeigen, dass eine nennenswerte Anzahl von Patienten noch lange Symptome zurückbehält. Eines der Hauptsymptome, bei denen, die eigentlich wieder gesund sind, ist Mattigkeit. Die Patienten sind erschöpft, wenn sie eine halbe Treppe steigen, obwohl Lunge und Herz normal funktionieren. "Diese Erschöpfung wird zwar mit jedem Tag weniger, aber ist mehr und ausgeprägter, als ich es je bei irgendeiner anderen Erkrankung gesehen habe", sagt Pneumologe Professor Welte. "Es scheint auch zu einer Veränderung im Nervensystem zu kommen. Die akut Erkrankten sind viel verwirrter als sonst. Und genesende Patienten klagen über Gedächtnisstörungen und Alpträume."

Kein schneller Erfolg beim Impfstoff

Die Forschung nach einem Impfstoff und Medikamenten läuft weltweit auf Hochtouren. An der MHH werden aktuell mehrere SARS-CoV-2-Impfstoffe getestet. Doch Professor Manns dämpft zu hohe Erwartungen: "Gegen das jetzt existierende Virus wird es wahrscheinlich einen Impfschutz geben. Aber vielleicht hat es sich verändert, wenn der Impfstoff zur Verfügung stehen wird. Alternativ zu einem Impfstoff entschlüsseln Forscher den Lebenszyklus des SARS-CoV-2-Virus und entwickeln Moleküle, die als Medikament eine Vermehrung des Virus im Körper blockieren und so zur Heilung führen." Professor Welte ergänzt: "Selbst wenn alles optimal läuft, werden wir keinen Impfstoff vor Mitte nächsten Jahres haben. Und Corona wird nicht verschwinden. Das heißt, wir werden weiterhin Kapazitäten für die Betreuung von COVID19-Patienten bereithalten müssen."

Die Professoren Manns und Welte raten weiterhin zur Vorsicht: "Kontaktvermeidung ist einfach das wirksamste Mittel." Risikofaktoren seien enge, schlecht durchlüftete Räume. "Singen ist besonders problematisch, weil dabei mehr Aerosole entstehen und diese durch die Vibration bis zu sechs Meter weit getragen werden", sagt der Pneumologe Welte. Und eines dürfen wir nicht aus dem Auge verlieren: Derzeit steigen die Erkrankungszahlen weltweit täglich an. "Was wir jetzt an Ausbrüchen in Deutschland sehen, kommt nicht aus heiterem Himmel", sagt der MHH-Präsident. "Diese Hotspots entstehen in der Regel dort, wo Menschen eng zusammenkommen. Die Pandemie ist noch lange nicht vorbei." 

Autor: Stefan Zorn

COVID-19: Wer wird behandelt, wenn die medizinischen Kapazitäten knapp sind?

Auf der COVID-Intensivstation der MHH. Copyright: Webredaktion/MHH

Stand: 10.06.2020

Online-Podiumsdiskussion über die Kriterien der sogenannten Triage / Veranstaltung der Krankenhausseelsorge und des Klinischen Ethik-Komitees der MHH

Glücklicherweise entwickelte sich die Zahl der an COVID-19 Erkrankten in Deutschland bisher nicht so dramatisch wie beispielsweise in Italien. Dennoch sorgte das rasante Tempo, mit dem sich das Coronavirus verbreitet, auch hierzulande für Beunruhigung und Sorgen im Gesundheitssystem. Was geschieht, wenn die medizinischen Kapazitäten plötzlich nicht mehr ausreichen, um alle Patientinnen und Patienten bestmöglich zu behandeln? Dann kommt die sogenannte Triage zur Anwendung, bei der das Behandlungsteam möglicherweise unter Zeitdruck entscheiden muss, wer eine lebensrettende Behandlung erhält und wer nicht. Doch welche Kriterien spielen bei dieser Priorisierung eine Rolle? Um die behandelnden Ärztinnen und Ärzte bei einer so schwerwiegenden Entscheidung nicht allein zu lassen, haben sieben medizinische Fachgesellschaften im März dieses Jahres dazu klinisch-ethische Empfehlungen veröffentlicht. Diese fanden viel Zustimmung, aber auch Widerspruch. Um eine öffentliche gesellschaftliche Debatte über die Kriterien anzuregen, findet am 16. Juni im Schloss Herrenhausen eine Online-Podiumsdiskussion statt. Die Veranstaltung wird organisiert von der Krankenhausseelsorge und dem Klinischen Ethik-Komitee der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), unterstützt von der VolkswagenStiftung. Die Zuschauenden können online dabei sein und sich per Chat aktiv an der Diskussion beteiligen.

Wir laden alle Interessierten zu dieser Online-Podiumsdiskussion ein am

- Dienstag, 16. Juni 2020

- 16 bis 17.30 Uhr

- Zugang für Zuschauende über https://player.cloud.wowza.com/hosted/djqqplhf/player.html
  Wer die Veranstaltung verpassen sollte, findet das Video im Anschluss hier in der Mediathek der Volkswagenstiftung.

Die Moderation der Diskussion übernimmt Professor Dr. Michael Coors von der Theologischen Fakultät der Universität Zürich. Auf dem Online-Podium sind Experten mit verschiedenen Positionen vertreten. Die Referenten und Diskussionspartner sind:

Chance zu überleben fair verteilen

Der Begriff „Triage“ kommt aus dem Französischen und bedeutet so viel wie “Auswahl“ oder „Sichtung“. „Priorisierung“ bezeichnet ein Verfahren, bei dem aufgrund festgelegter Kriterien einzelne Erkrankte anderen vorgezogen werden, wenn absoluter Mangel an Behandlungskapazitäten herrscht. Das Behandlungsteam steht dabei vor der Aufgabe, Entscheidungen so zu treffen, dass die Chance zu überleben fair verteilt, und die Ressourcen effektiv eingesetzt werden. Die Empfehlungen der medizinischen Fachgesellschaften sind Leitlinien, keine Gesetze.


Transplantation während der Corona-Pandemie

Stand: 05. Juni 2020

Marion L. wurde mitten in der Corona-Zeit transplantiert, die Diagnose: Leberzirrhose. Professor Dr. Hans Heinrich Wedemeyer, Direktor der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie und Dr. Nicolas Richter, Oberarzt der Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie klären im Video darüber auf, was sich durch Corona verändert hat und warum Patient_innen keine Angst haben sollten.

Transplantation während der Corona-Pandemie

Marion L. wurde mitten in der Corona-Zeit transplantiert, die Diagnose: Leberzirrhose. Professor Wedemeyer und Dr. Richter klären darüber auf, was sich durch Corona verändert hat und warum…

OB Onay spendet Blut für Therapie von COVID-19

Oberbürgermeister Belit Onay bei der Blutspende. Copyright: Karin Kaiser/MHH

Stand: 05. Juni 2020

Hannovers Oberbürgermeister unterstützt MHH-Projekt: Forschungsteam arbeitet mit Antikörpern gegen das Coronavirus

Bei einem wissenschaftlichen Projekt im Kampf gegen die weltweite Corona-Pandemie bekommt die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) prominente Unterstützung. Der Oberbürgermeister der Stadt Hannover, Belit Onay, ließ sich am Donnerstag im MHH-Institut für Transfusionsmedizin und Transplantat Engineering Blut abnehmen. Eine anschließende Untersuchung des Blutes soll zeigen, ob es sich zur Gewinnung hochpotenter Antikörper gegen das Coronavirus eignet. Solche Antikörper wollen die am Projekt beteiligten Forscherinnen und Forscher im Labor gentechnisch selbst produzieren und dann zum Schutz vor der Corona-Infektion und zur Therapie der COVID-19-Erkrankung einsetzbar machen. Solche begehrten Antikörper werden im Blut von Menschen gesucht, die eine Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 erfolgreich überstanden haben – so wie Oberbürgermeister Onay. Er war Ende März dieses Jahres an COVID-19 erkrankt.

„Die Stadt und das Land durchleben wegen der Pandemie einen unglaublichen Ausnahmezustand. Da möchte ich mit meiner Blutspende gerne einen Beitrag zu einer Therapie leisten“, erklärt Belit Onay. Für die Wissenschaftler sind besonders Blutproben von Genesenen interessant, die während ihrer Erkrankung besonders viele schützende Antikörper hervorgebracht haben sollen. Das sei bei etwa zehn Prozent der Fälle so. „Wir freuen uns über das großartige Engagement unseres Oberbürgermeisters und hoffen, dass die heutige Blutuntersuchung einen hohen Antikörper-Titer gegen das Coronavirus ergibt. Denn dann könnte Herr Onay jede Woche Plasma spenden und aktiv mithelfen, COVID-19-Patienten zu retten“, sagt Professor Dr. Rainer Blasczyk, Leiter des Instituts für Transfusionsmedizin und Transplantat Engineering. Die gesuchten Antikörper verhindern, dass sich die Viren an die menschlichen Zellen binden und wirken so neutralisierend.

Das Projekt ist bei dem Exzellenzcluster RESIST, das von der MHH geleitet wird, angesiedelt. Mit einem Medikament aus gentechnisch hergestellten Antikörpern rechnen die Experten frühestens im nächsten Jahr. „Die Suche nach einem Medikament oder einem Impfstoff gegen SARS-CoV-2, den Erreger der COVID-19 Erkrankung, ist eine globale Aufgabe“, ist MHH-Präsident Professor Dr. Michael Manns überzeugt. „Da die MHH auf dem Gebiet der Infektiologie sehr gut aufgestellt ist, wird sie mit ihrer Forschung sicher einen wesentlichen Mosaikstein dazu beitragen.“ Professor Manns hatte Oberbürgermeister Onay gemeinsam mit seinen Präsidiumskollegen Professor Dr. Tobias Welte und Andrea Aulkemeyer begrüßt.

Bisher hat die Hochschule die Corona-Krise gut bewältigt. „Es gab keine Überforderung des Medizinbetriebs, und wir können gute Behandlungsergebnisse vorweisen“, bilanziert Vizepräsident Professor Welte. „Das Virus wird uns aber in den nächsten Jahren leider weiter begleiten.“ Es komme jetzt darauf an, neue Forschungserkenntnisse in innovative Behandlungsmethoden zu transferieren. „Dafür ist die MHH die richtige Institution.“

  • Das Institut für Transfusionsmedizin sucht für das Projekt weiterhin nach freiwilligen Blutspendern. Infrage kommen Menschen, die eine COVID-19-Infektion hinter sich haben. Sie können sich melden unter: rkp-blutspende@mh-hannover.de

Corona-Update: Mit Plasmaspenden Leben retten!

MHH-Projekt will mithilfe von geheilten Corona-Patient_innen ein Medikament mit Antikörpern entwickeln.

Aktuell: Neue Besuchsregelung ab 2. Juni 2020

Stand: 30. Mai 2020

Ab dem 2. Juni dürfen die Patient_innen der MHH wieder Besuch empfangen – das ist eine gute Nachricht! Allerdings gilt dabei: Sie und wir müssen zum Schutz unserer Gesundheit weiterhin einige wichtige Sicherheitsmaßnahmen beachten. Das Land Niedersachsen hat dafür eine Reihe von Regelungen erlassen.

 

COH-FIT Studie: Die größte weltweite Studie zur Untersuchung psychischer Gesundheit

Stand: 02. Juni 2020

Welche körperlichen und seelischen Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf die Menschen? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Studie COH-FIT (Collaborative Outcomes Study on Health and Functioning during Infection Times). Das Projekt untersucht die akuten und die längerfristigen Folgen der Pandemie und will herausfinden, welche Menschen ein höheres oder ein niedrigeres Risiko für Gesundheitsprobleme unter den besonderen Umständen aufweisen. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen dazu beitragen, die Bevölkerung während zukünftiger Pandemien besser zu unterstützen. Es ist die weltweit größte Studie dieser Art. Fast 200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus mehr als 40 Ländern und sechs Kontinenten wirken daran mit. Auch die Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) ist beteiligt.

„In Hannover liegt der Schwerpunkt der Studie auf den Auswirkungen, die die Corona-Krise auf psychisch labile Menschen hat“, erklärt Professor Dr. Kai Kahl, geschäftsführender Oberarzt an der psychiatrischen MHH-Klinik. Ihn interessiert unter anderem, welche Folgen Quarantäne und Kontaktsperren beispielsweise auf Menschen mit manischen oder depressiven Erkrankungen, mit posttraumatischen Belastungsstörungen oder Borderline-Syndrom haben. Verstärken sich ihre Leiden? Kommen eventuell sogar verstärkt Suizidgedanken auf? „Sollte sich das bestätigen, brauchen wir dringend effektive Präventionsmaßnahmen, damit wir auf zukünftige Pandemien gut vorbereitet sind“, betont Professor Kahl. Bei den Hilfsstrategien könnte beispielsweise der frühzeitige, enge Arzt-Patienten-Kontakt über Telemedizin eine große Rolle spielen. Gesundheitspolitisch wichtige Punkte sind für den Psychiater unter anderem die während der Pandemie aufgetretenen Versorgungsengpässe mit lebensnotwendigen Medikamenten und das Ungleichgewicht bei der Behandlung von COVID-19-Patienten und der Behandlung von Patienten mit anderen Erkrankungen während der Krise.

Teilnahme ab 6 Jahren möglich

Die weltweite COH-FIT-Studie wird auf internationaler Ebene geleitet, federführend ist Professor Dr. Christoph U. Correll von der Charité Universitätsmedizin Berlin. Außer der MHH-Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie sind weitere deutsche und zahlreiche internationale Unikliniken beteiligt. „Mit der Studie haben wir ein hervorragendes Instrument, um repräsentative Daten aus der Bevölkerung vieler Länder, unabhängig von ihrer Sozialstruktur und Wirtschaftskraft, zu erhalten“, sagt Professor Kahl. „Mithilfe der Erkenntnisse können Präventionsmaßnahmen entwickelt werden, die der Allgemeinheit, aber auch einzelnen Gruppen helfen, Probleme während einer Pandemie zu verhindern oder zu minimieren.“ Erste Studienergebnisse erwartet Professor Kahl in etwa vier Monaten.

Die COH-FIT-Studie beruht auf einer Online-Befragung der breiten Öffentlichkeit. Teilnehmen können Erwachsene, Jugendliche und Kinder ab sechs Jahren, wenn deren Erziehungsberechtigte zustimmen. Die Daten werden in drei Wellen – während der Pandemie, drei Monate und sechs Monate danach – erhoben. Professor Kahl rechnet in Deutschland mit mindestens 24.000 Teilnehmenden. „Es dürfen aber auch sehr viel mehr werden“, sagt er. Interessierte können unter www.coh-fit.com den Fragebogen ausfüllen.

 

COH-FIT Studie

Copyright: Webredaktion
Weltweite COH-FIT Studie

An der COH-FIT Studie sind weltweit über 200 Wissenschaftler in über 113 Ländern beteiligt.

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Wie das Coronavirus die Lunge schädigt

Stand: 22. Mai 2020

Eine Infektion mit dem Coronavirus kann ebenso wie eine schwere Grippe die Atemwege massiv schädigen und zu einem tödlichen Lungenversagen führen. Welche molekularen Veränderungen SARS-CoV-2 im Lungengewebe von Patientinnen und Patienten genau auslöst und wie sich diese von den Schäden durch das Influenzavirus unterscheiden, ist bislang jedoch kaum bekannt. Um die Krankheitsprozesse besser zu verstehen, hat jetzt ein internationales Forschungsteam aus Deutschland, den USA, Belgien und der Schweiz unter der Leitung von Professor Dr. Danny Jonigk, Lungenspezialist am Institut für Pathologie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), Lungen von an COVID-19 Verstorbenen untersucht und mit denen von an Grippe (Influenza) Verstorbenen verglichen. „Die Studie verbessert unser Verständnis, warum die Lungenfunktion bei SARS-CoV-2-Infizierten mit schweren Krankheitsverläufen so stark beeinträchtigt ist“, betont Professor Jonigk,der zum Deutschen Zentrum für Lungenforschung (DZL) gehört. Die Ergebnisse der Untersuchung mit dem Titel „Pulmonary Vascular Endothelialitis, Thrombosis and Angiogenesis in COVID-19“ hat jetzt die renommierten Fachzeitschrift „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht.

Mikrothromben verstopfen die feinsten Gefäße

„Wir haben die Gewebeproben erstmals synergistisch mit einem sehr breiten Methodenspektrum von Mikro-Computertomografie, 3D-Elektronenmikroskopen und verschiedenen molekularbiologischen Methoden untersucht, um die Wege von SARS-CoV-2 aufzuspüren“, sagt Professor Jonigk. Dabei konnten die Wissenschaftler zunächst das bereits bekannte akute Schadensmuster in der Lunge von COVID-19-Patienten nachweisen, den sogenannten diffusen Alveolarschaden. Dieser liegt vor, wenn sich die Wände der Lungenbläschen entzünden, flächenhaft von Eiweißablagerungen bedeckt werden und so die Sauerstoffzufuhr in das Blut erschweren. „Wir haben außerdem eine massive Anzahl von Blutgerinnseln in allen Abschnitten der Blutgefäße in der Lunge gefunden, vor allem aber in den feinsten Gefäßen, den Kapillaren“, sagt der Pathologe. „Diese Mikrothromben verstopfen die feinen Lungengefäße und vergrößern so zusätzlich die Atemnot des Patienten.“ Das Phänomen gebe es zwar auch in schwer geschädigten Lungen nach Influenza-Infektionen, aber die Anzahl dieser kleinen Verstopfungen sei bei Grippetoten wesentlich geringer.

Besonders auffällig ist zudem ein Befund, den Mediziner ansonsten vorrangig nur von Tumorerkrankungen, Autoimmunkrankheiten oder Vernarbungsprozessen kennen: SARS-CoV-2 löst offenbar eine besondere Form von Gefäßneubildungen in der Lunge aus. „Diese sogenannte intussuszeptive Neoangiogenese ist bisher im Rahmen des diffusen Alveolarschadens noch nicht beschrieben worden und unterscheidet COVID-19 grundlegend von vergleichbar schweren Lungeninfektionen durch Influenzaviren“, betont Professor Jonigk und fasst zusammen:

„Die drei in unserer Studie erstmals umfassend beschriebenen Veränderungen innerhalb der Lunge bei SARS-CoV-2-Infektionen sind die massive Blutgefäßschädigung, die überschießende Blutgerinnung mit Verstopfung der feinsten Lungengefäße und die für COVID-19 charakteristische Gefäßneubildung.“

Die Ergebnisse der Studie bewertet der Pathologe als weiteres Puzzleteil zu einer Entschlüsselung von COVID-19. Gelöst sei das Rätsel um das Coronavirus aber noch lange nicht. Weitere Studien seien erforderlich, um die Mechanismen der Gefäßveränderungen zu verstehen und letztlich in therapeutische Ansätze umzumünzen.

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Corona und die Lunge

Ein weiteres Puzzleteil zu einer Entschlüsselung von COVID-19: MHH-Pathologe Prof. Danny Jonigk erläutert die neuen Erkenntnisse für Schäden an der Lunge.

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Besuchsverbot wird nach Pfingsten gelockert

Copyright: Karin Kaiser/MHH

Stand: 20. Mai 2020

Alle Kliniken in der Region Hannover begrüßen die Lockerungen bei den Besuchsregelungen für Krankenhäuser, die das Land in seiner Verordnung am 19. Mai veröffentlicht hat. Das gilt für die Medizinische Hochschule Hannover (MHH), alle Standorte des KRH Klinikums Region Hannover (KRH), die Häuser von Diakovere, das Kinder- und Jugendkrankenhaus Auf der Bult, das Vinzenzkrankenhaus, das Clementinenhaus, die Sophienklinik und die Paracelsus-Klinik. Die vergangenen Wochen, in denen Besuche nicht gestattet waren, haben sehr deutlich gezeigt, wie wichtig der Zuspruch von Angehörigen für stationäre Patientinnen und Patienten ist.

Nur eine Person gleichzeitig pro Patient

Nichtsdestotrotz genießt der Patienten- und Hygieneschutz in den Häusern allerhöchste Priorität. Dies bedeutet, dass die Kliniken mit Hochdruck an der unverzüglichen Umsetzung der neuen Vorgaben des Landes Niedersachsen arbeiten. Dazu gehören umfangreiche Maßnahmen zum Hygieneschutz, zur Dokumentation und zur Steuerung des Patientenbesuches. So sieht die Landesregelung beispielsweise vor, dass nur eine Person gleichzeitig eine Patientin oder einen Patienten besuchen darf und dass alle Besucherinnen und Besucher registriert werden müssen.

Umsetzung braucht noch Vorlaufzeit

Bis zur Umsetzung dieser Maßnahmen können aus Patientenschutzgründen keine Besuche, bis auf die bereits etablierten Ausnahmen, zugelassen werden. Die seit März 2020 geltenden Ausnahmen für werdende Väter, für Eltern, Sorgeberechtigte und enge Angehörige von Palliativpatienten, gelten natürlich auch in dieser Übergangszeit. Dies gilt auch für die Regelungen für Begleitpersonen in den Kinder- und Jugendkliniken. Die Krankenhäuser in der Region Hannover werden die aktuellen Regelungen zum Patientenbesuch voraussichtlich ab dem 2. Juni umsetzen.


COVID-19-Rätsel: Biobank sammelt Proben für Forschung

die Professoren Illig (links) und Cornberg (rechts) in der Biobank. Copyright: Karin Kaiser/MHH

Stand: 20. Mai 2020

Um eine Erkrankung effektiv bekämpfen zu können, muss man sie genau kennen. Das gilt auch für die Behandlung von COVID-19. Bislang können Mediziner nicht erklären, warum manche Patienten einen schweren Krankheitsverlauf haben, andere dagegen keine Symptome zeigen und welche Rolle das Immunsystem dabei spielt. Dafür baut die Medizinische Hochschule Hannover in Kooperation mit dem Klinikum Region Hannover (KRH) im Laufe der nächsten zwei Jahre eine COVID-19-Kohorte auf. Bioproben und Daten von 1000 unterschiedlich stark am Coronavirus SARS-CoV-2 erkrankten Patientinnen und Patienten sowie Kontrollproben von Menschen mit anderen Atemwegserkrankungen aus verschiedenen MHH-Kliniken und KRH sollen in der Hannover Unified Biobank (HUB) gesammelt und verglichen werden. Das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur (MWK) unterstützt das Vorhaben mit mehr als zwei Millionen Euro.

Hohe Sicherheitsauflagen für die Bioproben

„Wir haben bereits mit dem Sammeln von Blutzellen, Plasma, Speichel, Urin, und Zellen aus dem Atmungstrakt begonnen und auch schon zahlreiche Anfragen für molekulare Analysen von den Forscherinnen und Forschern der MHH und des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI) erhalten“, sagt Professor Dr. Thomas Illig, Leiter der HUB, wo die COVID-19-Biobank untergebracht ist. „Die HUB erfüllt die hohen Sicherheitsauflagen, um die Bioproben zu verarbeiten und einzulagern“, betont er. Auch für die Aufarbeitung der lebenden Blutzellen gelten solche Auflagen. Darum kümmert sich das Team um Professor Dr. Markus Cornberg, leitender Oberarzt an der MHH-Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie und Klinischer Direktor am HZI. Der Infektiologe ist zudem Direktor des Zentrums für Individualisierte Infektionsmedizin (Centre for Individualised Infection Medicine CiiM), einer gemeinschaftlichen Einrichtung von MHH und HZI. „Das CiiM ist die Brücke von Klinik und Forschung und soll langfristig auch eine Art Filiale der COVID-19-Biobank beherbergen“, sagt der Mediziner.

Mix aus mehreren Faktoren beeinflusst Krankheitsverlauf?

Die Analysen der Bioproben sowie genaue Angaben zu den einzelnen Patient_innen wie Alter, Geschlecht, Krankheitsverlauf, Laborwerte, Medikamenteneinnahme oder Nikotinkonsum sollen helfen, das Rätsel um COVID-19 zu lösen. Die Daten soll Aufschluss darüber geben, welche Rolle die Gene, das Immunsystem, aber auch Vorerkrankungen wie etwa Diabetes, Asthma, Nierenschäden oder Bluthochdruck für den Verlauf einer SARS-CoV-2-Infektion spielen, welche Langzeitschäden das Virus an Lunge und anderen Organen verursachen kann und wie sich die Behandlung von COVID-19-Patient_innen verbessern lässt. „Wir vermuten, dass eine Mischung aus dem überreagierenden Immunsystem, den individuellen Erbanlagen und den Stoffwechselvorgängen verantwortlich für die sehr unterschiedlichen Schweregrade ist“, erklärt Professor Cornberg.


Besonders fitte Antikörper sollen gegen SARS-CoV-2 helfen

Die Forschung rund um SARS-CoV-2 erfordert hohe Sicherheitsmaßnahmen. Copyright: Karin Kaiser/MHH

Stand: 18. Mai 2020

Menschen, die eine Infektion mit SARS-CoV-2 erfolgreich überstanden haben, haben verschiedene schützende Antikörper im Blut. Manche dieser Stoffe sind besonders effektiv. Diese hochpotenten Antikörper aufzuspüren, gentechnisch im Labor selbst zu produzieren und dann zum Schutz vor der Infektion und zur Therapie der Erkrankung einsetzbar zu machen – das ist das Ziel von Forscherinnen und Forschern des Exzellenzclusters RESIST, das von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) geleitet wird. Dieses Vorhaben unterstützt das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur mit rund 1,2 Millionen Euro.

„Wir suchen nach Antikörpern, die verhindern, dass sich die Viren an die menschlichen Zellen binden – die also neutralisierend wirken – und die auch gegebenenfalls auftretende Varianten des Virus erkennen können“, sagt Professor Dr. Thomas Schulz, Leiter des MHH-Instituts für Virologie und RESIST-Sprecher. Solche breit neutralisierenden Antikörper werden beispielsweise schon bei HIV erfolgreich eingesetzt, um die Vermehrung des HI-Virus im Körper zu unterdrücken.

Freiwillige mit besonders vielen Antikörpern rekrutiert

Zunächst spürt das Team diese hochpotenten Antikörper in Blutproben von genesenen Patientinnen und Patienten auf. „Wir benötigen insbesondere Proben von Menschen, die nach überstandener COVID-Erkrankung besonders viele schützende Antikörper hervorgebracht haben. Das ist bei zehn bis 15 Prozent der Erkrankten der Fall“, sagt Professor Schulz. Solche Patientinnen und Patienten werden von Professor Dr. Rainer Blasczyk, Leiter des MHH-Instituts für Transfusionsmedizin und Transplantat Engineering, und Professor Dr. Axel Haverich, Leiter der MHH-Klinik für Herz-, Thorax-, Transplantations- und Gefäßchirurgie, rekrutiert – unter Freiwilligen, welche nach überstandener Erkrankung ihr Plasma und ihre T-Lymphozyten zur Behandlung von COVID-Erkrankten zur Verfügung stellen. „Der Aufbau des COVID-19-Genesenen-Registers ist ein wichtiger Baustein in der Pandemiebekämpfung, sowohl für die Identifizierung wirksamer Antikörper als auch wirksamer Immunzellen. Wir beobachten hier eine unglaubliche Vielfalt der Immunantwort“, sagt Professor Blasczyk. Die Plasmen und T-Zellen stehen zur Therapie schon zur Verfügung.

Therapeutikum fürs nächste Jahr geplant

Aus deren Proben werden die B-Lymphozyten isoliert, also die Antikörper-produzierenden Zellen. Dann beginnt die Suche nach besonders effektiven Antikörpern, die anschließend gentechnisch im Labor geklont werden sollen – aufbauend auf der Expertise des RESIST-Forschers Professor Dr. Thomas Krey von der Universität Lübeck. Diese Antikörper werden im Tiermodell getestet – vom Team um Professor Dr. Albert Osterhaus, Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo). „Ein Therapeutikum aus gentechnisch hergestellten Antikörpern kann dann frühestens im nächsten Jahr zur Verfügung stehen“, sagt Professor Schulz.

Blutproben von in der MHH behandelten Patientinnen und Patienten bekommt das Forschungsteam auch von Professor Dr. Markus Cornberg, leitender Oberarzt der MHH-Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie, und Professor Dr. Marius Hoeper, kommissarischer Leiter und Oberarzt der MHH-Klinik für Pneumologie.


Mit umgebautem Pocken-Impfstoff gegen das Coronavirus

Professor Dr. Reinhold Förster, Institut für Immunologie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Copyright: Nico Herzog

Stand: 15. Mai 2020

Auf der Suche nach einem geeigneten Impfstoff gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 setzt die Wissenschaft mitunter auf alte Bekannte. In Kooperation mit der Ludwig-Maximilans-Universität (LMU) München testet das Institut für Immunologie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) unter der Leitung von Professor Dr. Reinhold Förster einen vielversprechenden Impfstoff auf Basis eines Pockenvirus. Das Modifizierte Vakzinia Virus Ankara (MVA) wird schon seit Anfang der 1990er Jahre als Fähre genutzt, um Genmaterial in Körperzellen einzuschleusen und eine Immunreaktion auszulösen. Im aktuellen Fall wollen die Wissenschaftler in den Pockenimpfstoff zusätzlich die Bauanleitung für das sogenannte Spike- oder S-Protein einfügen, das sich auf der Oberfläche von SARS-CoV-2 befindet und die Infektion von Zellen ermöglicht. Das Virusstückchen soll nach erfolgter Impfung die körpereigene Immunabwehr anregen, schützende Antikörper gegen das Coronavirus zu bilden. Das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kunst (MWK) unterstützt dieses Projekt mit 1,7 Millionen Euro.

„Ein gentechnisch modifiziertes MVA wurde von meinem Münchner Kollegen Professor Dr. Gerd Suttner bereits gegen das verwandte MERS-Virus entwickelt und erfolgreich an Dromedaren getestet“, erklärt Professor Förster. „Die Tiere waren nach erfolgter Impfung gegen das MERS-Virus immun.“ Dass die Impfung auch beim Menschen wirkt, ist in einer weiteren Untersuchung gerade erst bestätigt worden. Jetzt soll der Pockenimpfstoff gegen SARS-CoV-2 eingesetzt und zunächst an Mäusen getestet werden.

Impfstoff wird über Atemwege verabreicht

Auch die LMU will den neuen Impfvektor testen und Mäuse mit dem genetisch modifizierten MVA impfen. Doch anders als in München probieren die MHH-Wissenschaftler einen neuen Ansatz aus. Sie verabreichen den Impfstoff über die Atemwege. „Das Impfen durch Inhalation hat aus unserer Sicht den Vorteil, dass dadurch eine besonders starke Immunantwort genau dort ausgelöst wird, wo das Virus besonders heftig zuschlägt – nämlich in der Lunge“, sagt der Immunologe.

Ist die Impfung im Tierversuch erfolgreich, soll MVA-SARS-CoV-2-S auch an Menschen getestet werden. Dafür will das Institut für Immunologie zusammen mit klinischen Partnern eine Studie mit 30 Teilnehmenden durchführen. Doch die Wissenschaftler_innen wollen nicht nur untersuchen, ob die Impfung tatsächlich Antikörper gegen das Virus hervorbringt. Professor Förster möchte zudem einen neuen Test zum Nachweis von SARS-CoV-2 entwickeln. Mit diesem neuen Test sollen nicht nur Antikörper gegen das Virus nachgewiesen werden, sondern auch die Frage beantworten werden, wie gut diese vor erneuter Infektion schützen. „Das ist wichtig, um all die Menschen zu identifizieren, die eine Infektion ohne Krankheitssymptome durchgemacht haben und nun immun sind, ohne es zu wissen.“

Professor Förster ist Co-Sprecher des Exzellenzclusters RESIST, der von der MHH geleitet wird. In dieser Forschungsgruppe untersuchen 40 Teams, warum Menschen ganz unterschiedlich anfällig für Infektionen sind. Das Ziel ist es, besonders anfällige Menschen besser vor Infektionen schützen zu können. Partner sind MHH, HZI, Twincore, TiHo, CSSB und CCi. Weitere Informationen finden Sie im Internet unter www.RESIST-cluster.de.


Coronavirus erkennen: So helfen Röntgen und CT

Stand: 15. Mai 2020

Die Diagnoseverfahren für COVID-19 können an Grenzen stoßen. Dann kommen Röntgen und Computertomographie ins Spiel. Wenn ein Fall nicht eindeutig ist, d.h. wenn der SARS-CoV-2-Test mittels PCR zwar negativ ist, aber das Beschwerdebild des Patienten oder der Patientin auf etwas anderes hinweist, dann können die zwei- bzw. dreidimensionalen Bilder unterstützen. "Wir machen die Bildgebung vor allem bei schweren Fällen und zur Beurteilung des Krankheitsverlaufs", erläutert Prof. Dr. Vogel-Claussen, Leitender Oberarzt in der Diagnostischen und Interventionellen Radiologie der MHH. Außerdem würden Röntgen und CT eingesetzt, um Komplikationen bei schwer kranken Patient_innen rechtzeitig zu erkennen. Allerdings können Röntgen- wie CT-Bilder nicht allein für eine Diagnose herangezogen werden, denn auf den Bildern kann das Coronavirus nicht spezifisch genau erkannt werden. Die Radiologen können nur bestimmte Zeichen, also Hinweise, im Bild sehen, die typisch für Corona sind. Wie diese Zeichen aussehen, erfahren Sie hier unten im Video aus der MHH-Radiologie ...

Video

Corona mit CT und Röntgen erkennbar machen

Wieso die Bildgebung bei der Diagnose und Behandlung so wichtig ist und worauf es zu achten gilt, erläutern Prof. Dr. Vogel-Claussen und Herr Löpert im Interview.

Corona-Updates: Unsere Experten im Video

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Kinder und Corona: Was wir aktuell wissen

Stand: 11. Mai 2020

Welche Rolle Kinder in der Corona-Epidemie spielen, wird zurzeit viel diskutiert. Dr. Nicolaus Schwerk, Facharzt für pädiatrische Pneumologie und Allergologie an der MHH zum aktuellen Wissensstand.

Werden Kinder weniger häufig infiziert als ältere Menschen? Wie ansteckend sind sie? Wie groß ist die Gefahr, dass sie schwer erkranken? Fest steht: Aktuell kann es noch keine exakten Aussagen dazu geben, nur Einschätzungen. „Uns fehlen die Daten“, sagt Dr. Nicolaus Schwerk. „Wir brauchen systematische Untersuchungen von großen Kinder-Zahlen mit und ohne Symptome und über einen längeren Zeitraum.“

Weniger schwere Krankheitsverläufe

Die Gefahr sich anzustecken, ist für Kinder nach derzeitiger Einschätzung von Dr. Schwerk ähnlich groß wir für Erwachsene. Es gäbe aber Anzeichen dafür, dass das Risiko für Kinder – wenn sie sich angesteckt haben – schwer zu erkranken, deutlich niedriger ist als bei erwachsenen Menschen.

Kinder sind keine „Virenschleudern“

Der in Medien kreisende Begriff „Virenschleuder“ kann nach aktuellem Wissensstand nicht für Kinder gelten. Von ihnen scheint dieselbe Ansteckungsgefahr auszugehen wie von Erwachsenen. Dr. Schwerk verweist auf die jüngst veröffentlichte Studie von Prof. Dr. Christian Drosten von der Charité Berlin. Hier gibt es Hinweise, dass die Viruslast – also die Menge an Viren, die Infizierte produzieren – bei Kindern genauso hoch ist wie bei Erwachsenen. Den Aussagewert dieser Studie schränkt Prof. Drosten allerdings selbst ein. Denn die entscheidenden Studien –  die Schul- und Haushaltskontaktstudien – könnten derzeit nicht gemacht werden, weil es diese Situationen – Schule und Haushalt – aktuell nicht gebe bzw. sie verfälscht seien. Mehr dazu gibt es hier im Interview mit dem NDR.

Todesrate sehr gering

Es werden mittlerweile auch Todesfälle unter Kindern aus dem Ausland gemeldet. Allerdings betont Dr. Schwerk, dass aus den bisherigen Veröffentlichungen nicht klar hervorgeht, ob diese Kinder wegen dieser Infizierung mit SARS-CoV-2 gestorben sind oder an einer anderen Ursache und sie zusätzlich das Virus in sich hatten.  Der Experte kann etwas beruhigen: Die Zahl der bekannten Todesfälle unter Kindern ist im Verhältnis zu der veröffentlichten  Zahl der infizierten Kinder verschwindend gering.


Corona-Update: Wie gefährdet sind Kinder?

MHH-Experte Dr. Schwerk zu den aktuellen Fragen.

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Die Ultima Ratio – Diese Maschine ersetzt die Lunge für COVID-Patienten

Stand: 07. Mai 2020

ECMO – vier Buchstaben, die für einen komplizierten Namen stehen: Extrakorporale Membranoxygenierung. Die ECMO übernimmt teilweise oder vollständig die Kreislauf- und Atemfunktion von Patienten, deren Lungen und/oder Herzen sehr schwer geschädigt sind. An der MHH kommt sie in der Corona-Krise zum Einsatz, wenn die normalen Beatmungsformen für COVID-19-Patienten nicht ausreichen.

Extrakorporal bedeutet außerhalb des Körpers. Mit der ECMO wird Blut aus dem Körper des Patienten herausgezogen, in den sogenannten Oxygenator geleitet, der das Blut mit Sauerstoff anreichert und parallel CO2 entzieht, dann fließt das Blut wieder zurück in den Patienten. Der Oxygenator funktioniert dabei wie ein Filter.

Pro Minute kann einem erwachsenen normalgewichtigen Patienten mit diesem Gerät fast das gesamte im Körper zirkulierende Blut einmal entzogen und durch diesen Filter geleitet werden.

MHH-Pfleger Timm Doran erläutert dieses wichtige Gerät für die Corona-Behandlung hier auch im Video.

Video

So funktioniert die ECMO

MHH-Pfleger Timm Doran erklärt Funktion und Bedeutung des Lungen-Ersatz-Geräts.

Corona-Updates: Unsere Experten im Video

Hier finden Sie alle unsere Videos zum Thema Corona. MHH-Experten erklären den aktuellen Wissensstand.

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Angst, Stress, Gewalt: Erste Ergebnisse von COVID-19-Umfrage

Copyright: MHH/Shutterstock

Stand: 30. April 2020

Seit dem Auftreten der Corona-Pandemie in China gab es bereits erste Hinweise zu den psychosozialen Auswirkungen der Pandemie. Das können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Zentrums für Seelische Gesundheit der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) jetzt mit einer ersten Auswertung einer am 1. April gestarteten Umfrage belegen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sehen Belege für eine deutliche mentale Belastung mit einem Anstieg von Stress, Angst, depressiven Symptomen, Schlafproblemen, Reizbarkeit und Aggression. Sorge bereitet insbesondere, dass 5 Prozent der Teilnehmenden angaben, häusliche Gewalt in den vergangenen vier Wochen erfahren zu haben. Diese kann verbaler, körperlicher oder sexueller Natur sein. Zudem gaben die Teilnehmenden mehrheitlich an, dass die Gewalt zuletzt zugenommen habe.

Die Erstauswertung bezieht sich auf den Zeitraum vom 1. bis zum 15. April 2020 und umfasst damit den Rahmen der schärfsten Lockdown-Maßnahmen in Deutschland. 3.545 Freiwillige nahmen an der Studie teil, das mittlere Alter lag bei 40 Jahren. Von den Befragten sind 83 Prozent Frauen und 15,2 Prozent Männer. Diese Umfrage ist eine der ersten und größten Umfragen zu seelischer Gesundheit in Deutschland. Die aktuelle Erhebung beinhaltet eine webbasierte systematische Erfassung des psychischen Befindens, des Stresserlebens, der Bewältigungsmechanismen und des Erlebens von unterschiedlichen Formen von Gewalt mithilfe von Selbstbeurteilungsskalen.

HIlfsangebote sollten ausgebaut werden

Die Autorinnen und Autoren der Studie appellieren, dass die seelische Gesundheit der Bevölkerung während der akuten Pandemie und auch im Nachgang fortlaufend im Blick zu behalten ist und Hilfsangebote kontinuierlich vorzuhalten oder auszubauen sind. Besonders sorgfältig sollten dabei das Erleben von häuslicher Gewalt sowie deren Risikofaktoren wie Stress, Schlafprobleme und Reizbarkeit erhoben werden. „All diese Themen sind uns nicht unbekannt. Aber die Restriktionen während der Coronavirus-Pandemie und die damit assoziierte räumliche Enge in Familien können zu einem erheblichen Aufflammen dieser Probleme führen“, erklärt Professor  Dr. Tillmann Krüger, Leiter der Studie.

Es werden zudem Langzeiteffekte durch die Corona-Pandemie auf die seelische Gesundheit erwartet. Deshalb erfolgt nun die zweite Welle der Erhebung, zu der alle Interessierten unter folgendem Link eingeladen sind: https://ww2.unipark.de/uc/MHH_Umfrage_COVID-19/

Hintergrundinformationen

Psychische Belastung, Angst und Depression

Die Mehrheit der Teilnehmenden – 60 Prozent – gab an, sehr gut oder gut mit der veränderten Situation und den entsprechenden Maßnahmen klarzukommen. 26,9 Prozent der Befragten hingegen erklärten, schlecht oder sehr schlecht mit der Situation umgehen zu können. Die befragen Frauen wiesen dabei signifikant höhere Depressions- und Angstwerte auf.

Schlafqualität, Reizbarkeit und häusliche Gewalt

45,3 Prozent der Befragten gaben an, im Vergleich zu der Zeit vor der Pandemie schlechter zu schlafen. Bemerkenswert ist, dass 50,9 Prozent aller Teilnehmenden ausführten, reizbarer zu sein und sich 29 Prozent als wütender und aggressiver erlebten. Diejenigen, die sich als wütender und aggressiver erlebten, richteten ihre Wut und Aggression zu 65,5 Prozent gegen andere, während 32,6 Prozent dies gegen sich selbst richteten. Besondere Aufmerksamkeit verdient der Befund, dass 5 Prozent aller Teilnehmenden angaben, häusliche Gewalt auf verbaler (98, 4 Prozent), körperlicher (41, 9 Prozent) oder sexueller (30, 2 Prozent) Ebene zu erleben.

Für weitere Anfragen wenden Sie sich an Professor Dr. Tillmann Krüger, MHH-Zentrum für Seelische Gesundheit, unter (0511) 532-3171 oder krueger.tillmann@mh-hannover.de


Spahn an der MHH: „Hier arbeiten exzellente Wissenschaftler“

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (3.v. re.) mit Ministerpräsident Stephan Weil (re., SPD), Sozialministerin Carola Reimann (2. v. re., SPD) sowie MHH-Präsident Prof. Dr. Michael Manns (2. v. li.) und Vizepräsident Prof. Dr. Tobias Welte (li.). Copyright: Karin Kaiser/MHH

Stand: 28. April 2020

Ein wichtiger Besuch aus besonderem Anlass und unter ebenso besonderen Bedingungen: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat am Dienstag die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) besucht. Bei seinem Rundgang durch das Clinical Research Center (CRC), informierte er sich über den aktuellen Stand der Forschung zu möglichen Impfstoffen und Medikamenten gegen das neuartige Coronavirus. Begleitet wurde Spahn von Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), Wissenschaftsminister Björn Thümler (CDU) und Sozialministerin Carola Reimann (SPD) sowie von MHH-Präsident Professor Dr. Michael Manns und den beiden MHH-Vizepräsidenten, Professor Dr. Tobias Welte und Andrea Aulkemeyer - natürlich unter Wahrung des Sicherheitsabstands und mit Schutzkleidung.

Gut vernetzte klinische Forschung

Im CRC suchen die Forscherinnen und Forscher der MHH nach einem geeigneten Impfstoff gegen die Erkrankung Covid-19. So untersuchen sie beispielsweise in einer Studie mit rund 1.000 Freiwilligen aus Klinik und Rettungsdienst, ob ein Tuberkulose-Impfstoff das Immunsystem im Kampf gegen das Coronavirus unterstützen kann. Während ihres Besuchs unterhielten sich die Politiker mit Ärzten und Pflegekräften sowie mit dem ersten Covid-19-Patienten der MHH, der mittlerweile genesen ist.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zeigte sich beeindruckt von Krankenversorgung und Forschung an der MHH. „Hier arbeiten exzellente Wissenschaftler, die national und international sehr gut vernetzt sind und dazu beitragen, jeden Tag neues Wissen generieren zu können.“  Es gebe Studien mit vielversprechenden Ansätzen, einen voraussichtlichen Zeitpunkt für gesicherte Erkenntnisse könne er allerdings noch nicht nennen. Viele Fragen rund um das Virus seien schon beantwortet, es gebe aber mindestens noch genauso viele offene Fragen. „Wir werden mit diesem Virus leben lernen müssen, bis ein Impfstoff, eine Therapie oder Medikament gefunden ist.“ Für die Abläufe in den deutschen Kliniken kündigte der Bundesgesundheitsminister eine schrittweise Rückkehr in einen neuen Alltag an, in dem neben der Therapie von Covid-19-Patientinnen und -Patienten auch die Behandlung anderer Patientinnen und Patienten wieder stärker in den Fokus rücken wird.

Ermutigende Perspektiven

Auch Ministerpräsident Stephan Weil betonte, dass die Pandemie die Bevölkerung noch längere Zeit beschäftigen werde. „Da ist es gut, dass die Forschung so ermutigende Perspektiven bietet“, stellte er fest. Außerdem lobte er das große Engagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf den Stationen. MHH-Präsident Professor Dr. Michael Manns bedankte sich bei Spahn und Weil für den Besuch und das große Interesse an der Hochschule.

Autorin: Tina Götting/MHH


COVID-Medikamente gesucht: Forscher hoffen auf bekannte Wirkstoffe

Professor Dr. Thomas Pietschmann. Copyright: Fotostudio Michael Pietschmann

Stand: 24. April 2020

MHH-Professor Pietschmann, Forscher des Exzellenzclusters RESIST und des TWINCORE, leitet in Deutschland stattfindende Forschungsarbeiten eines internationalen Konsortiums.

Innovationen auf Basis bewährter Wirkstoffe, neue Indikationen für etablierte Mittel – das Prinzip des Repurposing hat in der Medizin schon oft zum Erfolg geführt. Deshalb wird es auch gegen SARS-CoV-2 eingesetzt: Um rasch ein Medikament zur Behandlung von COVID-19 zu finden, sucht ein internationales Forschungsnetzwerk in der weltweit größten Substanz-Repurposing-Bank „ReFrame“ nach Stoffen, die gegen SARS-CoV-2 wirken. Die Sammlung umfasst rund 14.000 zugelassene Medikamente sowie Wirkstoffe, für die es bereits umfangreiche Sicherheitsdaten in Bezug auf die Anwendung beim Menschen gibt. An der Suche sind mehrere Labors in den USA, vier in Großbritannien und je eins in China und Deutschland beteiligt. „ReFrame“ wurde von Scripps Research, Kalifornien, im Jahr 2018 mit Unterstützung der Bill & Melinda Gates Foundation aufgebaut.

„Ich bin zuversichtlich, dass wir innerhalb von wenigen Wochen Substanzen finden werden, welche die Vermehrung des Virus hemmen können. Dabei bekommen wir ein umfassendes Bild von der Wirksamkeit der Substanzen gegen dieses Coronavirus, da sich die Untersuchungen in den verschiedenen Labors ergänzen“, beschreibt Professor Pietschmann, der die in Deutschland stattfindenden Forschungsarbeiten leitet. Professor Pietschmann ist Wissenschaftler des Exzellenzclusters RESIST, das von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) geleitet wird, und des TWINCORE-Zentrums für Experimentelle und Klinische Infektionsforschung – einer gemeinsamen Einrichtung der MHH und des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI).

Das Ziel: Ansatzpunkte für Medikamente zur Behandlung von COVID-19

Den Nachweis, ob die Vermehrung des Virus gehemmt wird, erarbeitet Professor Pietschmann gemeinsam mit Professor Dr. Thomas Schulz, Leiter des MHH-Instituts für Virologie und Sprecher des Exzellenzclusters RESIST. Ihre Teams nutzen dazu einen Roboter, der im Rahmen des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) betrieben wird, dessen Mitarbeiter Professor Schulz und Professor Pietschmann auch sind. Das notwendige speziell markierte Coronavirus hat Professor Dr. Volker Thiel vom Institut für Virologie und Immunologie der Universität Bern hergestellt.

„Wenn wir Substanzen gefunden haben, die die Virusvermehrung hemmen können, untersuchen wir sie näher: Wir schauen dann, wie sie in der menschlichen Lungenzelle wirken, warum sie die Vermehrung hemmen und welche Dosis dafür nötig ist“, erläutert Professor Pietschmann. Chemisch-biologische Eigenschaften ausgewählter Wirkstoffe werden in Kooperation mit Professor Dr. Mark Brönstrup, HZI und DZIF, geprüft. Diese Zusammenarbeit wird durch einen Sonderfond des Landes Niedersachsen gefördert, der kurzfristig zur Bekämpfung der Coronavirus-Krise bewilligt wurde.

Zulassung und Behandlung mit Medikamenten könnte beschleunigt werden

Aufbauend auf die Ergebnisse der Forschungsarbeiten von Professor Pietschmann und seinen Kolleginnen und Kollegen können dann klinische Studien durchgeführt werden. Wenn es sich um ein bereits zugelassenes Medikament handelt, könnte es sein, dass der Wirkstoff sehr zügig für eine Behandlung von COVID-19 entwickelt werden kann. Ist die Substanz noch nicht zugelassen, kann man an bereits vorhandene Daten anknüpfen, sodass eine Zulassung schneller erreicht werden, kann als dies sonst möglich wäre. Wie lange das dauert hängt davon ab, wie weit sie bis dahin schon in klinischen Untersuchungen getestet wurden. 

Ein Beispiel für das Repurposing-Prinzip ist der zeitliche Ablauf bei dem bisher noch nicht für die Behandlung einer Krankheit zugelassenen Wirkstoff Remdesivir, der auch in der Substanzsammlung ist: Als SARS-CoV-2 zu Beginn des Jahres auftauchte, gab es bereits Tests in Zellkulturen und an Versuchstieren und auch im Kontext der Ebolavirus-Krise am Menschen. Die Ergebnisse der Zulassungsstudie zur Anwendung gegen COVID-19 werden in den nächsten Wochen erwartet.

„Ich bin sehr hoffnungsvoll, dass sich aus unserer Orientierungsstudie, die wir öffentlich zugänglich machen, Ansatzpunkte für Medikamente zur Behandlung der Erkrankung COVID-19 ergeben werden“, sagt Professor Pietschmann.


Coronavirus: Staatsexamen mit Mundschutz

Die MHH-Organisatoren Professor Dr. Ingo Just und Britta Minx (li) zusammen mit Meike Meyer-Wrobel (Mitte), Geschäftsführerin des Niedersächsischen Zweckverbandes zur Approbationserteilung (NIZZA). Copyright: Lisa Weigelt/MHH-Webredaktion.

Stand: 20. April 2020

Unter besonderen hygienischen Schutzmaßnahmen haben 110 Studierende der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) vom 15. bis 17. April ihr zweites Staatsexamen abgelegt. Die Durchführung dieses zweiten Abschnittes der Ärztlichen Prüfung (M2) war angesichts der Ausbreitung des Corona-Virus zunächst fraglich. Das Bundesministerium für Gesundheit hatte Ende März mit einer Verordnung den Beginn des Praktischen Jahrs vorübergehend flexibel gestaltet und den Ländern die Entscheidung über eine Verschiebung der M2-Prüfungen überlassen. In Niedersachsen entschieden sich die zuständigen Ministerien nach Beratung mit der niedersächsischen Universitätsmedizin, das Staatsexamen durchzuführen. Dem Niedersächsischen Zweckverband zur Approbationserteilung und dem Studiendekanat der MHH standen daraufhin nur wenige Tage zur Verfügung, um die Prüfungsbedingungen den veränderten hygienischen Schutzvorschriften anzupassen, die Räume herzurichten, Schutzausrüstung zu besorgen und das nötige Aufsichtspersonal zu rekrutieren.

Lob von höchster Stelle für das MHH-Organisationsteam

„Nachdem die Ministerien die Entscheidung getroffen hatten, die Prüfung durchzuführen, waren wir auf die Mithilfe der drei niedersächsischen medizinischen Hochschulen angewiesen. Ich habe die Prüfungen an der MHH begleitet und möchte mich ganz herzlich für die gute Unterstützung bedanken. Es ist alles sehr gut gelaufen“, lobte Meike Meyer-Wrobel, Geschäftsführerin des Niedersächsischen Zweckverbandes zur Approbationserteilung (NiZzA) den Einsatz des Organisationsteams an der MHH.

Zu den Bedingungen gehörte, dass die Studentinnen und Studenten im Examen mindestens anderthalb Meter Abstand einhalten mussten. Um das zu ermöglichen, mussten 15 statt ansonsten nur vier Räume hergerichtet werden. Zur Aufsicht waren demzufolge täglich 40 Personen im Einsatz, davon 25 von der MHH und 15 vom Landesprüfungsamt Niedersachsen. Zudem bekamen alle Prüflinge einen Mundschutz und es musste ausreichend Desinfektionsmittel bereitgestellt werden. „Das alles hätte das Landesprüfungsamt ohne die Hilfe der MHH nicht bereitstellen können“, erklärte Meyer-Wrobel.

Dem Wunsch der Studierenden entsprochen

„Wir sind erleichtert und froh, dass wir das zweite Staatsexamen unter diesen besonderen Hygieneschutzmaßnahmen erfolgreich abgeschlossen haben. Alternativ hätten die Studierenden zunächst ins Praktische Jahr gehen müssen und ihre Prüfung erst in einem Jahr ablegen können, zeitnah zum dritten Staatsexamen M3, was zusammen auch als Hammerexamen bezeichnet wird“, erklärte MHH-Studiendekan Professor Dr. Ingo Just. Die MHH-Studierenden hatten sich zuvor mehrheitlich für die zeitnahe Durchführung des zweiten Staatsexamens ausgesprochen, um diese zeitliche Verzögerung zu vermeiden und nicht doppelt lernen zu müssen.

Auch die Studierenden zeigten sich erleichtert nach der Prüfung. Für das Studiendekanat der MHH organisierte Britta Minx den organisatorischen Ablauf. Auch sie war anschließend erleichtert und stolz, das zweite Staatsexamen unter diesen besonderen Bedingungen erfolgreich beendet zu haben. Sie dankte allen Beteiligten: „Das alles wäre nicht möglich gewesen ohne die großartige Unterstützung der Lehrenden der MHH, die sich in überwältigender Anzahl bereit erklärt haben, uns als Aufsichtspersonen zu unterstützen, aber auch das Veranstaltungsmanagement und viele andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der MHH haben uns sehr geholfen, diese Prüfung in der Kürze der Zeit zu organisieren. Vielen Dank dafür!“


Angehörige können Patienten mit neuem Service versorgen

Copyright: Karin Kaiser/MHH

Stand: 20. April 2020

Um die Folgen des Besuchsverbots etwas abzumildern, hat die Medizinischen Hochschule einen speziellen Hol- und Bringservice eingerichtet - und zwar für die zwingend und nicht verschiebbare Sach-/Wäscheversorgung der stationären Patienten durch ihre Angehörigen.

Eine hierfür eingesetzte Kraft nimmt die gebrachten Sachen von den Angehörigen am Service-Point im Hauptklinikum (Haupteingang neben der Notaufnahme) entgegen und übergibt diese an die Pflegekraft der betroffenen Station der Patientin oder des Patienten. Der Hol- und Bringservice ist werktags von 13 Uhr bis 18 Uhr zu nutzen.

Die MHH bittet alle, zum Schutz der Betroffenen die vorgegeben Zeiten des angebotenen Services einzuhalten!

Weitere Infos für Patient_innen und Gäste zur Corona-Situation gibt es hier.

Infos zu Ihrem Aufenthalt - stationär oder ambulant - gibt es hier.


Antikörper und Impfstoff: So forscht man an der MHH in Sachen Corona

Professor Dr. Thomas Schulz. Copyright: privat/MHH

Stand: 17. April 2020

Professor Dr. Thomas Schulz, RESIST-Sprecher und Leiter des Instituts für Virologie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), im Interview.

Herr Professor Schulz, woran forscht RESIST in Bezug auf SARS-CoV-2?

Ziel von RESIST ist es, die molekularen Grundlagen für eine erhöhte Anfälligkeit gegenüber Infektionen und die dabei beteiligten Erreger besser zu verstehen, um auf dieser Basis neue Ansätze, Ideen und Möglichkeiten aufzuzeigen und diese langfristig für eine verbesserte Behandlung von Patienten einzusetzen. Da RESIST ja Anfang 2019, also lange vor dem Beginn der SARS-CoV-2 Pandemie, startete, waren ursprünglich keine Arbeiten an diesem neuen Virus geplant. Wir können aber eine Reihe von in RESIST bearbeiteten Themen, Fragestellungen und Methoden für die durch das neue Coronavirus, SARS-CoV-2, verursachte Erkrankung (CoVID) nutzen. Wir arbeiten dazu an mehreren Themen parallel; diese haben kürzlich zusätzliche großzügige Unterstützung durch das Niedersächsiche Ministerium für Wissenschaft und Kultur (MWK) erhalten, wofür wir sehr dankbar sind.

Wir suchen nach schützenden Antikörpern und Impfstoffen:
Wir wollen Antikörper entwickeln, die verhindern, dass sich das Virus an die menschliche Zelle binden kann. Dabei denken wir an Antikörper, die schon in geringer Konzentration neutralisierend wirken und somit auch gegebenenfalls auftretende Varianten des Virus erkennen können. Breit neutralisierenden Antikörper werden beispielsweise schon bei HIV erfolgreich eingesetzt, um die Vermehrung des HIV im Körper zu unterdrücken.
Diese besonders guten Antikörper suchen wir im Blut von Patientinnen und Patienten, die die Erkrankung bereits überstanden haben, und werden sie dann gentechnisch im Labor produzieren. So könnten sie zum Schutz vor einer Infektion, aber auch zur Therapie der Infektion eingesetzt werden. Ein solches Therapeutikum kann frühestens im nächsten Jahr zur Verfügung stehen.
Bei diesen Arbeiten nutzen wir die Expertise des RESIST-Forschers Professor Dr. Thomas Krey von der Universität Lübeck. Er hat viel Erfahrungen auf dem Gebiet, Strukturen von viralen und zellulären Proteinen aufzuklären, die Schlüsselrollen in Infektionsprozessen spielen. Die Rekrutierung von Patienten, die die CoVID Erkrankung bereits überstanden haben erfolgt in diesem Projekt durch Professor Dr. Rainer Blasczyk, Leiter des Instituts für Transfusionsmedizin der MHH, sowie durch Professor Dr. Axel Haverich, Leiter der Klinik für Herz-, Thorax-, Transplantations- und Gefäßchirurgie.

Parallel dazu führen wir präklinische Versuche zu einem potentiellen Coronavirus-Impfstoff durch: Professor Dr. Reinhold Förster, Leiter des MHH-Instituts für Immunologie, testet im Mausversuch einen neuen Impfstoff-Kandidaten.

Wir suchen nach Stoffen, die die Virenvermehrung hemmen:
Dazu verfolgen wir zwei Strategien: Unter Leitung unseres RESIST Kollegen Professor Dr. Thomas Pietschmann vom TWINCORE – Zentrum für Experimentelle und Klinische Infektionsforschung screenen wir rund 13.000 Substanzen, die entweder bereits als Medikamente für andere Krankheiten zugelassen sind, oder für die es bereits erste klinische Erfahrungen gibt – die also beispielsweise erstmalig an gesunden Freiwilligen getestet werden. Wir erforschen, ob sie gegen die Virusvermehrung wirken und dann könnten daraus neue Medikamente entwickelt werden, die in ein bis zwei Jahren zur Verfügung stehen würden.
Bei der anderen Strategie wollen wir ganz neue Angriffspunkte für Hemmstoffe finden und fragen uns dabei, was alle sieben bekannten Coronaviren hemmen könnte – und auch das nächste Coronavirus. Dazu screenen wir insgesamt ca. 100.000 Substanzen. Auch auf diese Ergebnisse aufbauend können Medikamente entwickelt werden. Das dauert jedoch fünf bis zehn Jahre. Daran arbeiten Professor Pietschmann und ich gemeinsam mit weiteren Kollegen.

Wir erforschen, wie das Immunsystem auf das Virus reagiert:
Wir in RESIST ergründen auch, wie die Reaktion des angeborenen und des erworbenen Immunsystems auf das SARS-CoV-2 aussieht. Wie erkennen zum Beispiel die T-Zellen dieses Virus? Diesen Fragen gehen Professor Dr. Markus Cornberg, MHH-Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie, Professorin Dr. Britta Eiz-Vesper, Institut für Transfusionsmedizin, und Professor Dr. Immo Prinz, MHH-Institut für Immunologie, mit weiteren Kolleginnen und Kollegen nach. Auch so sollen neue Ansätze für Therapien gefunden werden.

Und wir erforschen, ob es genetische Gründe für eine höhere Anfälligkeit gibt:
Um das herauszufinden, läuft eine klinische Studie, an der mehrere RESIST-Forscherteams beteiligt sind. Durch Vergleich von an CoVID erkrankten Menschen mit gesunden Probanden unserer RESIST Alterskohorte wollen wir herausfinden, warum manche Menschen schwer erkranken, auch wenn sie keine Vorerkrankungen haben. Auch diese Ergebnisse sollen uns Ansätze für neue Therapien liefern.


Geburten und Corona: Worauf sich Eltern einstellen müssen

Copyright: Karin Kaiser/MHH

Stand: 16. April 2020

In der MHH darf der Vater oder eine andere enge Bezugsperson weiterhin bei der Geburt dabei sein. „Sie dürfen ihre Partnerin zwar nicht während der gesamten Zeit im Kreißsaal begleiten, werden aber von den Hebammen dazu gerufen, sobald das Kind tatsächlich kommt“, erklärt Professor Dr. Constantin von Kaisenberg, Bereichsleiter Pränatalmedizin und Geburtshilfe der MHH-Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Anders sieht es bei einem Kaiserschnitt aus. In diesem Fall ist eine Begleitperson im OP nicht erlaubt, sie darf aber nach dem Eingriff im Aufwachraum dabei sein.

Wer darf Mutter und Babys besuchen?

Zum Schutz der Mütter und der Neugeborenen sowie des Klinikpersonals gibt es auch bei den Besuchen neue Regelungen: Eine Person, der Vater oder eine andere Bezugsperson, darf Mutter und Kind in der Zeit von 15 bis 18 Uhr besuchen, wenn sie einen Mundschutz trägt und keine grippalen Symptome hat. Weitere Besucherinnen und Besucher müssen der Mutter-Kind-Station leider fern bleiben.

Wie geht die MHH damit um, wenn eine mit dem Coronavirus infizierte Frau ein Kind bekommt?

Bisher gab es in der MHH-Geburtsklinik noch keine Gebärende, die mit dem Coronavirus infiziert war. „Deshalb ist das Ansteckungsrisiko auf der Geburtsstation zurzeit auch nicht höher als außerhalb der Klinik“, erläutert Professor von Kaisenberg. Das ärztliche und pflegerische Personal sowie die Hebammen sind angehalten, sich streng nach den hygienischen Vorgaben der Robert Koch-Instituts zu richten.

Sollte in der MHH eine an COVID-19 erkrankte Schwangere gebären, wäre das Geburtsteam auch darauf vorbereitet. Die werdende Mutter würde bei der Geburt einen Mund-Nasen-Schutz tragen und das Personal eine Schutzausrüstung bestehend aus Haube, Brille, Mund-Nasen-Maske, Handschuhen und Kittel. Eine Begleitperson wäre bei der Geburt nicht erlaubt. Das Neugeborene einer COVID-19-Patientin dürfte nach der Geburt in einem Isolierzimmer bei der Mutter bleiben und auch gestillt werden. „Sollten bei dem Kind aber Symptome einer COVID-19-Erkrankung oder andere schwerwiegende medizinische Probleme auftreten, müsste es auf die Intensivstation“, sagt Professor von Kaisenberg.

Autorin: Tina Götting/MHH


Tuberkulose-Impfstoff soll Immunsystem gegen Corona-Virus fit machen

Professor Schindler, die leitende Studienschwester Carola Westenberg und der leitende Prüfarzt Dr. Marcus May (von rechts). Quelle „MHH / Karin Kaiser“.

Stand: 9. April 2020

Ein Impfstoff gegen Tuberkulose könnte helfen, einen Etappensieg gegen das Corona-Virus zu erringen. VPM 1002 heißt das am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie hergestellte Präparat. Es soll das Immunsystem im Kampf gegen den Sars-CoV-2-Erreger stärken. „VPM 1002 ist die gentechnologisch verbesserte Variante eines jahrzehntealten Impfstoffs, der in vielen Ländern zur Bekämpfung des Tuberkulose-Erregers eingesetzt wird“, sagt Professor Dr. Christoph Schindler von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), Leiter der Stabsstelle CRC Core Facility am Clinical Research Center Hannover. Weil der Impfstoff offenbar nicht nur gegen das Tuberkulose-Bakterium hilft, sondern die Immunantwort generell verbessert, könnte er auch die Abwehr gegen das Corona-Virus verstärken. Jetzt soll VPM 1002 in einer Studie an 1000 Teilnehmenden getestet werden, die beruflich mit dem Corona-Virus in Kontakt kommen – Ärztinnen und Ärzte sowie das Personal im Pflege- und Rettungsdienst.

„Im Idealfall verringert die Impfung die Wahrscheinlichkeit, an Corona-Virus-Disease zu erkranken“, erklärt Professor Schindler. Der Wirkstoff gelangt über das Blut in die Lymphknoten und verändert dort die körpereigenen Abwehrzellen. Wenn dann Corona-Viren die Lunge befallen, werden weiße Blutkörperchen aktiv. Die als Fress- und Killerzellen bekannten Immunzellen bekämpfen die Viren in der Lunge und hindern sie daran sich zu vermehren – wenn alles gut läuft.

Die Hoffnung: Nicht immun, aber besser geschützt

Geimpftes Klinikpersonal wäre zwar nicht gegen Sars-CoV-2 immun, könnte dank der auch gegen Virusinfektionen gestärkten Abwehrzellen aber besser geschützt sein und es gäbe weniger Ausfälle in der Krankenversorgung.  Kommt es doch zu einer Infektion, könnte die verbesserte unspezifische Immunantwort den Verlauf der Covid-19-Symptome deutlich abschwächen und sogar dann noch helfen, wenn sich das Corona-Virus verändern sollte, hofft der Mediziner. Das käme auch Risikopatienten zugute, etwa vorerkrankten oder älteren Menschen.

Die Wirkung des Immunboosters VPM 1002 soll zunächst an vier Standorten untersucht werden – neben dem CRC an der MHH sind auch Studienzentren in München, Erfurt und Borstel beteiligt. „Möglicherweise können wir bereits Ende April oder Anfang Mai die ersten Studienpatienten impfen“, sagt Professor Schindler. Zudem wird eine weitere Studie auf den Weg gebracht. In dieser sollen dann 1800 ältere Menschen geimpft werden, um den Effekt der verbesserten unspezifischen Immunantwort weiter aufzuklären. Falls sich in den Studien zeigt, dass die Geimpften tatsächlich weniger häufig oder weniger schwer an Covid-19 erkranken, könnten in wenigen Monaten Risikogruppen wie Klinikpersonal und besonders gefährdete Menschen mit VPM 1002 geimpft werden. 

Weitere Informationen erhalten Sie bei Professor Dr. Christoph Schindler, schindler.christoph@mh-hannover.de, Telefon (0511) 5350-8300.